Elfen unerwünscht

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Diese kleine Erdbeer-Elfe sucht dringend ein neues Zuhause (Gr. 104). Interessenten können sich gern bei mir melden. Denn im Second-Hand-Laden wurde sie abgelehnt. T-Shirts sind da neuerdings unerwünscht.

Aber von vorn: In unserem Zuhause stapeln sich Kisten über Kisten: Kinderkleidung, die dem kleinen Tiger nicht mehr passt, aber eines Tages der kleinen Maus passen könnte. Kleidung, die dem Tiger nicht mehr passt, aber von der Maus voraussichtlich abgelehnt werden wird (weil zu wenig rosa, zu wenig Glitzer, zu viel Blau, Grün oder, oder, oder….). Kleidung, die der kleinen Maus nicht mehr passt. Kleidung, die dem Tiger und/oder der Maus noch nicht passen, aber schon einmal für die Zukunft geschenkt oder gekauft wurden.

Deswegen sind bestimmte Flohmarkt-Termine und Öffnungstermine des Second-Hand-Ladens fest in meinem Terminkalender verankert. Da kaufe ich dann jedesmal ungefähr wieder genauso viel Neues, wie ich verkaufe, aber so bleibt die Zahl der Kisten wenigstens konstant. Und was muss ich da zu meinem Schrecken lesen, als ich gestern schwer beladen mit den Lieblingskleidern meiner Kinder aus dem letzten Sommer den Second-Hand-Laden betrete?

„Liebe Kunden, da KiK und andere Discounter T-Shirts im Doppelpack für wenige Euro verkaufen, nehmen wir T-Shirts zukünftig nur noch in Ausnahmefällen (Marken-T-Shirts) an.“

Jetzt versauen diese blöden Billig-Textilien nicht nur Umwelt, Sozialstandards und Mindestlöhne rund um die Welt, sondern auch noch den Second-Hand-Markt für Kinderkleidung! Was bitte ist gegen diese süße kleine Erdbeer-Elfe einzuwenden? OK, ich habe sie schon gebraucht gekauft (als es in meinem Secondhand-Laden noch T-Shirts gab). War einen Sommer lang eines der Lieblings-T-Shirts meiner Tochter. Und hat einen winzigen Fleck zwischen den Erdbeerblättern. Aber T-Shirts in diesem Second-Hand-Laden kosten nur 1,50 €. Wollen die Leute wirklich lieber diese doofen Kik-T-Shirt Doppelpacks voller Chemie kaufen als diese kleine Erdbeerfee? Und wo bitte bekomme ich jetzt Kinder-T-Shirts her? Muss ich jetzt auch diesen Kik-Krempel kaufen?

Ich muss wohl neue Flohmärkte ausfindig machen und in den Terminkalender integrieren. Kampf den Textil-Billigheimern, ihr kriegt mich nicht klein! Und Kinder an die Macht! Ich bin mir sicher, Kinder würden dieses T-Shirt gern haben wollen. Die Ränder des T-Shirts und der Erdbeeren sind übrigens mit Silber-Glitzer verziert, für kleine Mädchen ein Wahnsinns-Kauf-Argument.

Ich werde schon noch ein neues Zuhause für die geliebte Erdbeer-Elfe meiner Tochter finden! Ich kann sie doch nicht einfach in den Altkleider-Container werfen. Vielleicht nehmen die Altkleidersammlungen ja auch schon keine T-Shirts mehr…

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My Stuff

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Ein Mann rennt nackt durch Helsinki. Denn er hat sich von all seinen Sachen getrennt. Pro Tag darf er sich einen Gegenstand zurückholen. Was holt er sich als erstes? Seinen Wintermantel!. Dann eine Decke. Dann Schuhe. Nach 60 Gegenständen ist der Besuch im Lager nicht mehr so wichtig und er geht tagelang gar nicht hin.

Der Film „My Stuff“ ist der genialste „Werbe“film und Selbstversuch für Minimalismus, den man sich vorstellen kann. Ich muss gestehen: Ich habe ihn gekauft. In meine Online-Filmbibliothek. Denn für digitale Werke machen wir eine Ausnahme von unserer Kaufdiät. Ich hätte ihn auch online leihen können. Aber ich dachte mir, dass ich ihn mindestens 10 Freunden zeigen will. Und wir wollen Filmemacher, Musiker und Schriftsteller auch weiterhin unterstützen. Was für eine Welt hätten wir, wenn wir alle – statt allen möglichen Krams zu kaufen – dieses Geld komplett in Kultur investieren würden? Künstler wäre plötzlich ein wirklich gut bezahlter Beruf, oder? Das wäre eine Welt, die mir sehr gefallen würde.

Vielleicht wäre sie ein bisschen wie die Welt von Petri Luukkalnen, dem Darsteller von „My Stuff“. Nach dem Film kommt mir mein Leben plötzlich dermaßen überladen vor, dass ich mich frage, ob unsere Kaufdiät radikal genug ist. Diese völlig Leere, von der er startet, wirkt wahnsinnig befreiend und macht den Abschied von Dingen vielleicht leichter, als unser allmähliches qualvolles Abschiednehmen von jedem einzelnen Gegenstand.

Denn eines zeigt sich schon jetzt nach 4 Monaten Konsumverzicht ganz deutlich: Wenn man die Kaufdiät dauerhaft durchzieht, reduziert man seinen Besitz langsam, aber sehr kontinuierlich. Denn absolut zuverlässig geht jede Woche etwas kaputt. Klar, wenn man – wie vielfach angegeben – im Durchschnitt 10.000 Gegenstände besitzt, ist das statistisch gesehen eigentlich noch wenig. Witzig fand ich zu sehen, dass es Petri Lukkalnen mit seinen paar Gegenständen genauso ergeht wie uns: Zerrissene Hosen, löchrige Socken, kaputte Tasche, kaputte Waschmaschine… Nach einem Jahr wären dann so ca. 52 Gegenstände kaputt, 12 hätten wir neu gekauft, dann hätten wir (wenn wir keine Geschenke und ähnliches annehmen) gerade mal 40 Gegenstände pro Jahr weniger.

Eigentlich ja ein Witz, aber das Dumme an diesem allmählichen Schwund ist, dass es sich irgendwie immer wie Verlust anfühlt. Wenn man mit Nichts wieder anfängt, fühlt sich jeder Gegenstand wie ein Gewinn an: „Wenn sich die Lebensqualität mit jedem Gegenstand so steigert wie in den ersten 10 Tagen, dann wird dieses Jahr eine einzige Party“, so Petri am Anfang seines Selbstversuchs.

Das radikale Experiment von Petri ist mit Familie vielleicht nicht so gut geeignet, aber vielleicht kann man das ja auch abwandeln und z.B. erst mal ein Zimmer weitgehend leeren. Oder den Kleiderschrank. Und dann jeden Tag nur einen Gegenstand wieder reinstellen, den man für unverzichtbar hält? Der ganz große Euphorieschub wie beim nackten Petri („es ist schön, sich zu bedecken“) bleibt dann zwar aus, aber vielleicht ist es ein guter Weg, um seinen Besitz auf den Prüfstand zu stellen. Muss ich mal drüber nachdenken. Und erstmal mit meiner Familie den Film anschauen! Empfehle ich Euch auch wärmstens, den Film kann man online bei Amazon leihen oder kaufen.

Verschwundene Dinge

Bei manchen Dingen wüsste man einfach gern, wo sie wohl eigentlich hin verschwunden sind. Z.B. wüsste ich gern, was aus meiner Lieblingswintermütze geworden ist, die ich im Herbst in der Stadt verloren habe. Geht es ihr gut? Vom wem wird sie jetzt getragen? Oder ist sie auf dem Müll gelandet? Und wer trägt wohl meine ebenfalls im letzten Jahr verlorene Sonnenbrille? Und der Sommermantel vom geduldigsten Ehemann von allen? Fährt er immer noch im Zug, in dem er vergessen wurde, immer neuen Zielen entgegen? Oder hat er einen neuen Besitzer gefunden?

Neben den aus halbwegs nachvollziehbaren Gründen vergessenen und verlorenen Gegenständen gibt es dann noch die Mysterien unter den verschwundenen Dingen, deren Verschwinden eigentlich völlig unerklärlich ist. Dazu gehören die Haarspangen unserer Tochter. Täglich verlässt die kleine Maus adrett gekleidet und frisiert mit Spängchen oder Zöpfchen das Haus in Richtung Kindergarten und jeden Nachmittag ist die Haarspange oder das Haarband dann spurlos verschwunden. Anfangs glaubte ich noch an einen schwunghaften Tauschhandel unter kleinen Mädchen, tatsächlich sind auch drei oder vier Haarbänder unbekannter Herkunft so zu uns gelangt. Aber das kompensiert nicht die inzwischen sicher fast dreistellige Zahl an Accessoires, die uns in den letzten Monaten abhanden gekommen sind. Ich habe neulich sogar die Reinigungsfrau im Kindergarten abgepasst und sie nochmals für das Thema verlorener Haarspangen sensibilisiert. Sie versicherte mir, dass sie nur gelegentlich welche findet und  die dann immer schön aufs Fundregal legt. Manchmal macht einen die Kaufdiät wirklich etwas kleinlich… Na ja, vermutlich muss ich mich mal im Kindergarten freiwillig zum Garten umgraben melden, denn dann kommt eigentlich nur noch der Garten als riesiges Haarspangen-Bermuda-Dreieck infrage.

 

 

Was das alles mit unserer Kaufdiät zu tun hat? Ganz einfach: Kinder-Haarspangen müssen wir leider aus oben beschriebenen Gründen von unserem Konsumverzicht ausnehmen, denn sie gehören bei uns eindeutig zu den Verbrauchsgütern, die nahezu zweiwöchentlich nachgekauft werden müssen. Außerdem müssen wir noch einen weiteren ungeplanten Kauf beichten: Der geduldigste Ehemann von allen musste wirklich unbedingt einen neuen Sommermantel für seinen im Zug verlorenen Mantel kaufen. Das versteht ihr sicher, oder? Schaut doch mal raus! Bei dem Regen kann man – Konsumverzicht hin oder her – den armen Mann nicht ohne Regenmantel zur Arbeit jagen. Also gibts jetzt keinen Kauf mehr im Juli. Und ich verabschiede mich gedanklich endgültig von meinem schon herbeigesehnten Sonnenbrillen- oder Hosenkauf im Juli und verzichte stoisch einen weiteren Monat auf beides. Fazit: Wenn man eine Kaufdiät macht, muss man höllisch auf seinen Kram aufpassen. Verluste sind da echt tragisch! Hoffentlich ist die kleine Maus bald auch so groß, dass sie das einsieht…. Und hoffentlich macht sie es dann besser als ihre verpeilten Eltern!

Echte Wünsche

Leser, die dieses Frühjahr in Deutschland erleben, wissen, wie dringend man derzeit einen Regenschirm braucht. Ich habe deswegen auf einer Veranstaltung dankbar einen solchen als Werbegeschenk angenommen und damit einen IMG_0496weiteren Gegenstand sozusagen als Geschenk getarnt an unserer Kaufdiät vorbei in unseren Haushalt gelassen. Angesichts des erbärmlichen Zustands meines kleinen faltbaren Schirms hätte sonst der nächste erlaubte Kauf im nächsten Monat ausgerechnet ein neuer Schirm sein müssen. Nebenbei gesagt, ist das kein billiges Werbegeschenk, sondern ein Schirm von wirklich hoher Qualität. (ganz anders als mein bisheriger 3€ Mini-Schirm).

 

Mittlerweile tun sich bei uns im Haushalt so viele dringende Ersatzbedarfe auf, die wir früher einfach ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden schnell gekauft hätten – so wie einen neuen Schirm eben. Durch unseren selbst gewählten Konsumverzicht müssen wir uns jeden Monat auf den jeweils dringendsten Kauf beschränken. Damit entstehen nun  wieder echte Bedarfe und wir haben wieder echte Wünsche. Während ich mich zu meinem Geburtstag relativ zu Beginn der Kaufdiät noch besonders über immaterielle Geschenke gefreut habe (hier beschrieben), kann man mich inzwischen mit einem Schirm als Geschenk wirklich beglücken. Oder neue Handtücher wären auch schön. Oder neue Socken (ich stopfe wie ein Weltmeister!). Also liebe Freunde, wir brauchen keine Wohnungsdeko, keine Gutscheine, keine kreativen Geschenke: Wir brauchen wieder echte Basics! Wir haben echte und dringende Wünsche!

Eine ganze Industrie lebt davon, dass wir alles schon haben und versorgt uns mit „schönen“ Dingen, die wir noch zusätzlich kaufen sollen. Weil wir annehmen, dass alle schon alles haben, schenken wir solche Dingen anderen Leuten. Aber wie sehr freut man sich denn tatsächlich über die teure und schicke Dekoschale? Den Kerzenständer? Bestimmt nicht so sehr wie ich mich über diesen Schirm gefreut habe, für den ich einen wirklichen Bedarf hatte. Das ist eine sehr schöne Erfahrung unseres Konsumverzichts: Ich kann mich wieder richtig über Anschaffungen freuen. Weil sie nicht nebenbei passieren. Weil man lange darüber nachdenkt. Weil man warten muss. Weil man abwägen muss.

Und eigentlich, wenn ich mich so erinnere, welche Geschenke auch bei anderen immer am besten ankamen, dann waren das meistens nicht die „schönen“ Dinge, sondern oft ganz unspektakuläre Sachen: Bei unserem traditionellen Weihnachtswichteln (bei dem wir um die Verteilung kleiner Geschenke „spielen“) waren die begehrtesten Renner: Ein Badehandtuch und Socken. Bei einem Geburtstagsgeschenk eine selbst gezogene Tomatenpflanze in teurer Dekoschale (die Tomate sorgte für Begeisterung, die Schale wurde eher beiläufig betrachtet). Vielleicht haben auch die anderen ja mehr „echte“ Wünsche als wir mit unseren „kreativen“ Geschenken so glauben….

Brille oder Hose?

Und wieder haben wir unseren Gegenstand des Monats gekürt: Der geduldigste Ehemann von allen brauchte eine Lesebrille, damit war klar, was diesen Monat angeIMG_0425schafft werden muss, Kaufdiät hin oder her. Da es bei seinem Optiker noch ein Angebot gab, kostenlos Sonnenbrillengläser dazu zu erhalten, kamen noch neue Gläser für seine Sonnen
brille ins Haus. Da waren wir jetzt mal nicht so pingelig, da die Gläser ja geschenkt waren und in sein altes Gestell kamen und außerdem deutlich weniger Glas beinhalten als das,  was wir so wöchentlich im Supermarkt an Glas mitnehmen.

Ich dagegen darbe weiter (sonnen-)brillenlos dahin: Ich habe letzten Herbst meine Sonnenbrille verloren und wegen der Kaufdiät bislang keine neue angeschafft. Wenn man nur einen Gegenstand pro Monat kaufen will, gibt es stets eine harte Konkurrenz, was denn jetzt am nötigsten ist. Die Sonnenbrille hat da bislang immer den Kürzeren gezogen bzw hatte ich auch im Laufe des Winters einfach vergessen, dass ich keine mehr habe. Ohne Kaufdiät verschwendet man an so was ja kaum einen Gedanken….

Bei Ausflügen in die Natur ist eine Sonnenbrille eigentlich gut verzichtbar, habe ich festgestellt. Da frage ich mich inzwischen eher, warum ich mir bisher freiwillig die herrliche Landschaft nur unter braunem Schleier angesehen habe. Anders in der Stadt: Vor allem die hellen Gebäude und Straßen blenden doch recht stark. Ist aber eigentlich auch auszuhalten. Am meisten fehlt mir die Sonnenbrille eigentlich als modisches Accessoire und ich fühle mich ohne im Sommer irgendwie unzureichend angezogen, so als wäre ich ohne Tasche unterwegs.

Mal sehen, ob das jetzt so dringend wird, dass die Sonnenbrille unser Gegenstand des Monats Juli wird, oder ob nicht doch dringender eine neue Hose für mich her muss. Im Juni hat es ja bislang viel geregnet, da habe ich eine Hose deutlich mehr vermisst als eine neue Sonnenbrille…

Mein bester Freund der Superkleber

Porzellan in Stücke zerbrochen? Irgendein Plastikdings abgebrochen? Sowas flog früher bei uns in den Müll. Seit wir mit unserer Kaufdiät Konsumverzicht üben, müssen wir uns bei jedem Teil natürlich zweimal überlegen, ob wir das wirklich wegwerfen können. Deswegen wird jetzt bei uns geklebt!

Zwei Minituben Superkleber haben bei uns in den letzten drei Monaten unter anderen schon folgende Dinge vor dem Mülleimer gerettet:

  • die von den Kindern heißgeliebte Porzellan-Süßigkeiten-Dose, bei der den Kleinen im Eifer des Gefechts der Deckel runtergefallen und in vier Teile zersprungen war
  • einen Bilderrahmen, bei dem der Standfuß an der Rückseite abgebrochen war
  • den sich auflösenden Bilderrahmen der kleinen Maus, der im Kindergarten ihren Platz kennzeichnet
  • den in drei Teile zerbrochenen Deckel einer noch aus meiner Kindheit stammenden Porzellan-Kanne, die ich zum Blumengießen nutze
  • die zerbrochene Prinzessinen-Krone der kleinen Maus aus dem 1-€-Shop (noch vor Kaufdiät-Zeiten!) – billig, aber heißgeliebt

Der Superkleber hat sich bei uns schon so zum Reparieren etabliert, dass die Kinder jetzt bei jedem kaputten Teil fragen: „Kann man das mit Superkleber kleben?“.

Völlig problemlos kleben lassen sich Porzellan, Keramik und Holz – man sieht die Bruchstellen nur noch, wenn man sehr genau hinschaut. Gescheitert bin ich dagegen bei manchen Plastikteilen, die einfach nicht kleben wollten, zum Beispiel dem Griff des Wägelchens. Mit viel Geduld ließ sich dagegen überraschenderweise sogar die 1€-Krone kleben.

Wieder was gelernt durch unsere Kaufdiät! Jetzt muss ich mich nur auf auf die Suche nach einem Plastikspezialkleber machen…

Arbeitslos durch ZeroWaste?

Weltmeister im Müll sortieren, zerkleinern und recyclen – das waren die rund 3.000 Aussteller, die auf der internationalen Umweltmesse IFAT , von der ich gerade zurückkomme, zu bewundern waren. Aber einen – auch nur einen! –  Stand zum Thema ZeroWaste? Ich habe keinen gefunden. ZeroWaste bedeutet in der Logik der Branche restloses Recycling, aber nicht, dass Müll gar nicht erst entsteht. Während ich also durch die Hallen lief und nach Ansätzen zur Müllvermeidung suchte, kam mir irgendwann in den Sinn, warum es das auf dieser Messe nicht gibt, eigentlich auch nicht geben darf: Wenn alle Haushalte so wie unserer ihren Müll durch ganz einfache Maßnahmen um die Hälfte oder mehr reduzieren würden, würden ja die Hälfte der 3.000 Aussteller arbeitslos!

Strautmann Umwelttechnik GmbH
Quelle: IFAT-Pressebilder, Strautmann Umwelttechnik GmbH

Während ich also angesichts der geballten Recycling und Müllverwertungsindustrie von der „Müllvermeidungshalle“ träumte, in der Aussteller vorstellen, wie sich Müll vermeiden lässt, wurde mir klar, dass es vermutlich wenig aussichtsreich sein dürfte, auf eine solche Halle zu hoffen. Deswegen habe ich mir die Frage gestellt, wie viele Arbeitsplätze Müllvermeidung eigentlich vernichtet und ob umgekehrt welche geschaffen werden.

 

Hier der Versuch, einer ganz persönlichen und sicher nicht repräsentativen Einschätzung, welche Arbeitsplätze wir durch unsere ZeroWaste-Aktivitäten unterstützen:

  • die regionalen Bio-Bauern, die unsere Gemüsekiste beliefern
  • die Lieferanten, die jede Woche unsere Gemüsekiste anliefern
  • die Änderungsschneiderei
  • der Schuster
  • der Elektrogerätekundendienst
  • die Seifenmanufaktur
  • Hersteller und Nutzer von Maschinen, die Pfandflaschen annehmen, reinigen und neu etikettieren
  • Spediteure, die den Transport von Mehrwegsystemen organisieren
  • die kleinen Läden, bei denen wir Lebensmittel unverpackt oder zum Abfüllen erhalten
  • Hersteller von Reparaturbedarf aller Art
  • die Stadtbücherei
  • Anbieter von Verleihsystemen (z.B. Car-Sharing, unser Video-Leihservice)
  • Anbietern von Waschmitteln, Reinigungsmitteln, Spül- und Waschmaschinen
  • Hersteller von langlebigen, wiederverwendbaren Gütern (z.B. Geschirr, Stoffservietten, Besteck…)
  • Mitarbeiter, die Mehrweggeschirr einsammeln und spülen

Dagegen sorgen wir für weniger Arbeit für folgende Branchen:

  • Müllabfuhr und Müllverbrennung
  • Recycling- und Deponietechnik
  • Verpackungsindustrie
  • Kunststoffhersteller
  • Papierhersteller
  • Discounter und Läden, in denen es nur Verpacktes zu kaufen gibt
  • Hersteller von Einwegprodukten

 

Wenn ich mir den Vergleich ansehe, dann fällt mir vor allem eines markant ins Auge: ZeroWaste unterstützt regionale, kleinteilige Strukturen und ist tendenziell schlecht für große Industrien. Das klingt für Freunde alternativer Lebensstile zwar sympathisch, aber ist vermutlich im Endeffekt schlecht für die Arbeitsmarktbilanz insgesamt und auch das Qualifikationsniveau der zugehörigen Arbeitsplätze ist evtl. bei den ZeroWaste-Arbeitsplätzen wohl deutlich niedriger.

Wenn sich ein ZeroWaste-Lebensstil in der Breite durchsetzen würde, dann müssten diese Unternehmen wohl andere Dinge herstellen. Noch haben diese Unternehmen ja eine ganze Menge Arbeit und weltweit ist ja noch einiges im Bereich Recycling zu tun. Es hat mich auch mit Optimismus erfüllt zu sehen, dass es tatsächlich schon Ansätze für Verfahren gibt, wie man auch die kleinsten seltenen Erden wieder aus Handys herausbekommen könnte. Das lässt hoffen, dass die qualifizierten Mitarbeiter dieser Unternehmen sich andere lukrative Geschäftsfelder erschließen können, wenn eines Tages ZeroWaste in Privathaushalten Mainstream ist und deswegen immer weniger Hausmüll produziert wird.

Und dann brauchen wir ja auch noch dringend überfällige Innovationen wie z.B. modulare Elektrogeräte, die unglaublich einfach zu reparieren sind oder superpraktische, wiederverwertbare oder vielseitig einsetzbare Verpackungen oder essbare Verpackungen…. Also müssen wir uns wohl keine Sorgen machen, dass uns durch ZeroWaste die Arbeit an sich ausgeht.

Und was machen wir ZeroWaste-Pioniere solange? Ich finde, es sollte auf der nächsten IFAT unbedingt einen großen Messeauftritt zum Thema Müllvermeidung geben! Wer macht mit?