Arbeitslos durch ZeroWaste?

Weltmeister im Müll sortieren, zerkleinern und recyclen – das waren die rund 3.000 Aussteller, die auf der internationalen Umweltmesse IFAT , von der ich gerade zurückkomme, zu bewundern waren. Aber einen – auch nur einen! –  Stand zum Thema ZeroWaste? Ich habe keinen gefunden. ZeroWaste bedeutet in der Logik der Branche restloses Recycling, aber nicht, dass Müll gar nicht erst entsteht. Während ich also durch die Hallen lief und nach Ansätzen zur Müllvermeidung suchte, kam mir irgendwann in den Sinn, warum es das auf dieser Messe nicht gibt, eigentlich auch nicht geben darf: Wenn alle Haushalte so wie unserer ihren Müll durch ganz einfache Maßnahmen um die Hälfte oder mehr reduzieren würden, würden ja die Hälfte der 3.000 Aussteller arbeitslos!

Strautmann Umwelttechnik GmbH

Quelle: IFAT-Pressebilder, Strautmann Umwelttechnik GmbH

Während ich also angesichts der geballten Recycling und Müllverwertungsindustrie von der „Müllvermeidungshalle“ träumte, in der Aussteller vorstellen, wie sich Müll vermeiden lässt, wurde mir klar, dass es vermutlich wenig aussichtsreich sein dürfte, auf eine solche Halle zu hoffen. Deswegen habe ich mir die Frage gestellt, wie viele Arbeitsplätze Müllvermeidung eigentlich vernichtet und ob umgekehrt welche geschaffen werden.

 

Hier der Versuch, einer ganz persönlichen und sicher nicht repräsentativen Einschätzung, welche Arbeitsplätze wir durch unsere ZeroWaste-Aktivitäten unterstützen:

  • die regionalen Bio-Bauern, die unsere Gemüsekiste beliefern
  • die Lieferanten, die jede Woche unsere Gemüsekiste anliefern
  • die Änderungsschneiderei
  • der Schuster
  • der Elektrogerätekundendienst
  • die Seifenmanufaktur
  • Hersteller und Nutzer von Maschinen, die Pfandflaschen annehmen, reinigen und neu etikettieren
  • Spediteure, die den Transport von Mehrwegsystemen organisieren
  • die kleinen Läden, bei denen wir Lebensmittel unverpackt oder zum Abfüllen erhalten
  • Hersteller von Reparaturbedarf aller Art
  • die Stadtbücherei
  • Anbieter von Verleihsystemen (z.B. Car-Sharing, unser Video-Leihservice)
  • Anbietern von Waschmitteln, Reinigungsmitteln, Spül- und Waschmaschinen
  • Hersteller von langlebigen, wiederverwendbaren Gütern (z.B. Geschirr, Stoffservietten, Besteck…)
  • Mitarbeiter, die Mehrweggeschirr einsammeln und spülen

Dagegen sorgen wir für weniger Arbeit für folgende Branchen:

  • Müllabfuhr und Müllverbrennung
  • Recycling- und Deponietechnik
  • Verpackungsindustrie
  • Kunststoffhersteller
  • Papierhersteller
  • Discounter und Läden, in denen es nur Verpacktes zu kaufen gibt
  • Hersteller von Einwegprodukten

 

Wenn ich mir den Vergleich ansehe, dann fällt mir vor allem eines markant ins Auge: ZeroWaste unterstützt regionale, kleinteilige Strukturen und ist tendenziell schlecht für große Industrien. Das klingt für Freunde alternativer Lebensstile zwar sympathisch, aber ist vermutlich im Endeffekt schlecht für die Arbeitsmarktbilanz insgesamt und auch das Qualifikationsniveau der zugehörigen Arbeitsplätze ist evtl. bei den ZeroWaste-Arbeitsplätzen wohl deutlich niedriger.

Wenn sich ein ZeroWaste-Lebensstil in der Breite durchsetzen würde, dann müssten diese Unternehmen wohl andere Dinge herstellen. Noch haben diese Unternehmen ja eine ganze Menge Arbeit und weltweit ist ja noch einiges im Bereich Recycling zu tun. Es hat mich auch mit Optimismus erfüllt zu sehen, dass es tatsächlich schon Ansätze für Verfahren gibt, wie man auch die kleinsten seltenen Erden wieder aus Handys herausbekommen könnte. Das lässt hoffen, dass die qualifizierten Mitarbeiter dieser Unternehmen sich andere lukrative Geschäftsfelder erschließen können, wenn eines Tages ZeroWaste in Privathaushalten Mainstream ist und deswegen immer weniger Hausmüll produziert wird.

Und dann brauchen wir ja auch noch dringend überfällige Innovationen wie z.B. modulare Elektrogeräte, die unglaublich einfach zu reparieren sind oder superpraktische, wiederverwertbare oder vielseitig einsetzbare Verpackungen oder essbare Verpackungen…. Also müssen wir uns wohl keine Sorgen machen, dass uns durch ZeroWaste die Arbeit an sich ausgeht.

Und was machen wir ZeroWaste-Pioniere solange? Ich finde, es sollte auf der nächsten IFAT unbedingt einen großen Messeauftritt zum Thema Müllvermeidung geben! Wer macht mit?

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