My Stuff

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Ein Mann rennt nackt durch Helsinki. Denn er hat sich von all seinen Sachen getrennt. Pro Tag darf er sich einen Gegenstand zurückholen. Was holt er sich als erstes? Seinen Wintermantel!. Dann eine Decke. Dann Schuhe. Nach 60 Gegenständen ist der Besuch im Lager nicht mehr so wichtig und er geht tagelang gar nicht hin.

Der Film „My Stuff“ ist der genialste „Werbe“film und Selbstversuch für Minimalismus, den man sich vorstellen kann. Ich muss gestehen: Ich habe ihn gekauft. In meine Online-Filmbibliothek. Denn für digitale Werke machen wir eine Ausnahme von unserer Kaufdiät. Ich hätte ihn auch online leihen können. Aber ich dachte mir, dass ich ihn mindestens 10 Freunden zeigen will. Und wir wollen Filmemacher, Musiker und Schriftsteller auch weiterhin unterstützen. Was für eine Welt hätten wir, wenn wir alle – statt allen möglichen Krams zu kaufen – dieses Geld komplett in Kultur investieren würden? Künstler wäre plötzlich ein wirklich gut bezahlter Beruf, oder? Das wäre eine Welt, die mir sehr gefallen würde.

Vielleicht wäre sie ein bisschen wie die Welt von Petri Luukkalnen, dem Darsteller von „My Stuff“. Nach dem Film kommt mir mein Leben plötzlich dermaßen überladen vor, dass ich mich frage, ob unsere Kaufdiät radikal genug ist. Diese völlig Leere, von der er startet, wirkt wahnsinnig befreiend und macht den Abschied von Dingen vielleicht leichter, als unser allmähliches qualvolles Abschiednehmen von jedem einzelnen Gegenstand.

Denn eines zeigt sich schon jetzt nach 4 Monaten Konsumverzicht ganz deutlich: Wenn man die Kaufdiät dauerhaft durchzieht, reduziert man seinen Besitz langsam, aber sehr kontinuierlich. Denn absolut zuverlässig geht jede Woche etwas kaputt. Klar, wenn man – wie vielfach angegeben – im Durchschnitt 10.000 Gegenstände besitzt, ist das statistisch gesehen eigentlich noch wenig. Witzig fand ich zu sehen, dass es Petri Lukkalnen mit seinen paar Gegenständen genauso ergeht wie uns: Zerrissene Hosen, löchrige Socken, kaputte Tasche, kaputte Waschmaschine… Nach einem Jahr wären dann so ca. 52 Gegenstände kaputt, 12 hätten wir neu gekauft, dann hätten wir (wenn wir keine Geschenke und ähnliches annehmen) gerade mal 40 Gegenstände pro Jahr weniger.

Eigentlich ja ein Witz, aber das Dumme an diesem allmählichen Schwund ist, dass es sich irgendwie immer wie Verlust anfühlt. Wenn man mit Nichts wieder anfängt, fühlt sich jeder Gegenstand wie ein Gewinn an: „Wenn sich die Lebensqualität mit jedem Gegenstand so steigert wie in den ersten 10 Tagen, dann wird dieses Jahr eine einzige Party“, so Petri am Anfang seines Selbstversuchs.

Das radikale Experiment von Petri ist mit Familie vielleicht nicht so gut geeignet, aber vielleicht kann man das ja auch abwandeln und z.B. erst mal ein Zimmer weitgehend leeren. Oder den Kleiderschrank. Und dann jeden Tag nur einen Gegenstand wieder reinstellen, den man für unverzichtbar hält? Der ganz große Euphorieschub wie beim nackten Petri („es ist schön, sich zu bedecken“) bleibt dann zwar aus, aber vielleicht ist es ein guter Weg, um seinen Besitz auf den Prüfstand zu stellen. Muss ich mal drüber nachdenken. Und erstmal mit meiner Familie den Film anschauen! Empfehle ich Euch auch wärmstens, den Film kann man online bei Amazon leihen oder kaufen.

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Ein Gedanke zu “My Stuff

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