Die Kleider-Krise

Als ich diese Tage vor dem Kleiderschrank stand, habe ich die Kaufdiät verflucht. Nix zum Anziehen! Hosen? Löcher. Rock – super, aber das einzig passende Oberteil dazu zu abgetragen fürs Büro. Anderer Rock: Einzig passendes Oberteil in der Wäsche. Anderer Rock: Keine passenden Sommerschuhe dazu. Anderer Rock: Zu hippie fürs Büro. Hosenanzug? Für einen normalen Bürotag zu übertrieben, da kein Termin an dem Tag anstand. Schließlich wurde es Rock 1 und das abgetragene Oberteil mit einem eigentlich für festliche Anlässe geeigneten Bolero (der seit mindestens drei Jahren mangels geeigneter festlicher Anlässe ungenutzt im Schrank hing) kombiniert. Sah
gar nicht schlecht aus. Und war letztlich vollkommen büro-geeignet. Und es hatte sich – wie immer eigentlich – irgendwie doch noch eine Lösung gefunden. Es ist ein Wunder, was ein Kleiderschrank im Notfall so alles ausspuckt.

Trotzdem hatte ich eine tiefe Kaufdiät-Krise. Da fand ich zufällig folgenden Artikel in Huongs Blog Minimalkonzept: Was passiert, wenn du keine neue Kleidung mehr kaufst?

Und die Kaufdiät war gerettet. Licht am Ende des Tunnels! Auch andere kämpfen mit denselben Problemen, aber es geht! Ich war wieder hoch motiviert! Danke, Huong! Da ich aber irgendwie immer noch das Gefühl hatte, besonders wenig Kleidung zu besitzen, weil mir das Anziehen oft so verflixt schwer fällt, habe ich mal eine akribische Bestandsaufnahme gemacht, mit folgenden ernüchternden Ergebnis:

Ich besitze – alle Hosen, Röcke, Kleider, Oberteile, Jacken, Pyjamas und Freizeitkleidung eingerechnet (ohne Unterwäsche, Socken, IMG_0360Halstücher, Schuhe und Gürtel) –  149 Kleidungsstücke. Da ist dann aber auch die Skihose, die Yogahose, das Abendkleid, Regenjacke etc. mit dabei… Das ist deutlich mehr, als Minimalisten so besitzen wollen und ziemlich genau 5x so viel wie im Projekt 333 vorgeschlagen wird, das ich immer mal ausprobieren wollte (Das Projekt 333 schlägt vor, seine Garderobe 3 Monate lang auf 33 Teile zu beschränken.).

Einen echten Schock erhielt ich dann, als ich mir die Greenpeace-Studie zum deutschen Kleiderkonsum ansah (Wegwerfware Kleidung): Die durchschnittliche Frau besitzt laut Greenpeace 118 Kleidungsstücke. Ich besitze also überdurchschnittlich viel Kleidung??? Bin ich ein Modejunkie? (jeder der mich kennt, würde jetzt einen Lachanfall kriegen). Um dem Rätsel auf den Grund zu gehen, habe ich meine Kleider zusätzlich mal nach ihrem Zustand klassifiziert und dabei festgestellt, dass 53 Kleidungsstücke sehr abgetragen oder sogar regelrecht kaputt sind (die Hälfte dieser Kleidungsstücke ist über 10 Jahre oder sogar über 15 alt), teilweise unreparierbar. Diese Kleidungsstücke trage ich z.B. zu Hause, unter dem Pulli, unter einem Blazer oder auch als Unterhemd-Ersatz.Wenn ich das jetzt mit berücksichtige, dann sieht meine Bilanz schon etwas besser aus, ich bin mir sicher, dass die meisten Leute diese 53 Sachen längst ausgemistet hätten.

Ich habe außerdem 18 Kleidungsstücke, die ich rein zu Business-Zwecken einsetze (3 Hosenanzüge, zwei sehr alte einzelne Blazer (innen schon völlig zerschlissen, die darf ich dann nicht ausziehen), ein Rock sowie diverse passende Blusen, einige davon kaputt und nur noch unter Blazer einsetzbar). Diese Garnitur brauche ich auch, auf mehrtägigen Messen oder Dienstreisen muss man schließlich mindestens drei Tage variieren können, ohne negativ aufzufallen. Mit Ausnahme eines Hosenanzugs sind alle diese Teile übrigens älter als 5, viele älter als 10 Jahre.

Dann habe ich mir mal angesehen, wie viele meiner Kleidungsstücke weniger als 5 Jahre alt sind: 61! Ich habe also in den letzten 5 Jahren jedes Jahr im Schnitt 12 neue Kleidungsstücke gekauft. Da war ich schon recht überrascht, das hätte ich nie gedacht! Nicht dass davon nicht auch schon einige wieder kaputt wären (z.B. alle 4 Hosen!!!), aber dennoch, allein mit diesen 61 Kleidungsstücken sollte man ja irgendwie halbwegs angezogen über die Runden kommen können!

Eigentlich ist es ja derzeit aus Gründen der Kaufdiät mein erklärtes Ziel einen Capsule Wardorbe aufzubauen. Nach dieser Bilanz wurde mir klar, dass ich dabei in folgende typische Gedankenfalle zu tappen drohte, die da lautet: Wenn ich meine Kleidung optimieren will, muss ich erstmal neue, optimal kombinierbare Kleidung kaufen und alte ausmisten. Also erstmal alles raus, was nicht zu den gewählten Basis- oder Komplementärfarben passt. Wenn ich meine bisherigen Kaufdiät-Erfahrungen aber so reflektiere, stelle ich fest, dass das Unsinn ist. Der erste entscheidende Schritt zum Capsule Wardrobe ist: Nix Neues mehr kaufen! Erst aus einem gewissen Notstand heraus entfaltet der vorhandene Kleiderschrank sein gesamtes Potenzial und lehrt einen, Capsule Wardrobe-Prinzipien. So ist mir inzwischen erst durch die tägliche Herausforderung sehr genau klar, was ich denn für Kleidungsstücke kaufen müsste, die meinen Bestand optimal ergänzen, nämlich ein Oberteil zu Rock A (schwarz) und ein Oberteil zu Rock B (braun oder rosa). Damit könnte ich die Einsatzmöglichkeiten allein dieser beiden Röcke um 100 % steigern und die Teile auch zu anderen Dingen in meinem Schrank weiter kombinieren. Das hätte ich vor der Kaufdiät und allen Capsule Wardorbe -Anleitungen zum Trotz niemals so klar formulieren können. Dass Hauptproblem bei vielen meiner selten getragenen Kleidungsstücke ist nämlich wirklich, dass ich nichts oder zu wenig dazu kombinieren kann. Das ließe sich oft mit wenigen gezielten Käufen lösen. Manchmal aber auch schon durch Nachdenken und einem eingehenden Kleiderschrank-Check, der auch Teile aus anderen „Sektoren“ einbezieht. Schaut zum Beispiel mal unter diesem Blickwinkel eure festliche Kleidung durch! Da steckt echt Potenzial drin! Das kleine Schwarze mit Strickjacke und Schal ist plötzlich bürotauglich und wirkt gar nicht übertrieben. Und der Paletten-Bolero über einem T-Shirt geht auch super. Und die Glitzerbluse wirkt mit schwarzer Weste drüber auch ganz normal.

Insofern laufe ich jetzt nach der Kleiderkrise wieder ganz zufrieden und gefühlt meist vernünftig angezogen durch die Gegend. Aber die nächste Krise kommt bestimmt! Spätestens im Winter, da weiß ich derzeit wirklich noch nicht, wie ich den kleidungstechnisch ohne Neukäufe überstehen soll. Aber das habe ich ja vom Sommer auch gedacht….

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