Festival-Trash

Neulich am Baggersee: Freunde berichten von ihren letzten Festival-Besuchen. Der Besuch von Festivals erscheint wie ein Ideal nicht-materiellen Konsums: Menschen treffen sich, um gemeinsam gute Musik zu hören, zu tanzen, zu feiern, zu trinken und romantisch im Zelt zu schlafen. Schockiert hat mich deswegen folgender Bericht von erfahrenen Festival-Besuchern:

Auf den großen Festivals bleiben – so der Bericht meiner Freunde – offensichtlich nach Ende des Festivals Tausende Zelte zurück. Billig-Zelte, für 30 Euro bei einem Discounter gekauft, oft von 2-3 Leuten gemeinsam, macht also pro Person gerade mal 10-15 Euro fürs Zelt. Da spart man sich am letzten Tag, verkatert wie man ist, gern mal das Abbauen. Dann rücken die Bulldozer an.

Erschreckend auch die Empfehlung meiner Freunde, mit Pfand-Dosen-Sammeln ließe sich nach Ende des Festivals ein Vermögen verdienen (und es folgten ausgiebige Hochrechnungen über den Verbrauch von Getränkedosen bei mehreren Tausend Besuchern über 3-4 Tage hinweg).

Ich versuche mich an die Zeit zu erinnern, als ich noch auf Festivals unterwegs war. Wir haben unser Zelt wieder mitgenommen. Was und woraus wir getrunken haben, weiß ich nicht mehr. Dosen waren es nicht. Und an Müllberge erinnere ich mich auch nicht. Vielleicht alles nur geschönte Erinnerungen? Waren auch eher kleinere Festivals.

Irgendwie wollte ich das alles nicht so recht glauben, da fand ich diesen Artikel in der SZ. Allein Rock am Ring hat – so der Artikel – letztes Jahr 600 Tonnen Müll produziert. Habe ich das alles nie gemerkt? Da fand ich diesen Artikel im Spiegel, der mir bestätigte: Wir haben früher wesentlich weniger Müll auf Festivals produziert. 2006 waren es laut Artikel 4 kg Müll pro Besucher. Heute sind es 15 kg! Da ich noch wesentlich vor 2006 auf Festivals war, scheint mich meine Erinnerung nicht getrogen zu haben.

Leute, was ist mit Euch los? Wir hatten einen Haufen Spaß damals. Wieso brauchten wir für diesen Spaß so viel weniger Müll? Bei so einem eklatanten Unterschied frage ich mich: Liegt es wirklich an den einzelnen Besuchern? Dann muss wohl irgendwas mit der Erziehung dieser verlotterten Generation grundlegend schief gegangen sein….  Sind Festival-Besucher heute so viel weniger umweltbewusst? Das wäre ja ein totales Versagen der Umweltbildung!

Oder haben sich Angebotsstrukturen so verändert, dass dadurch mehr Müll entsteht? Zum Beispiel gab es zu unserer Zeit noch keine Billigzelte beim Discounter. Und vermutlich gab es auf dem Festivalgelände Pfand-Getränke zu kaufen. Zu meiner Zeit waren Dosen imagemäßig gerade auf dem Weg zum absoluten Umwelt-No-Go.

Ich glaube, wir müssen auch die Angebotsstrukturen stärker in den Blick nehmen.  Die Verantwortung des Einzelnen ist zwar wichtig und richtig, aber warum soll es eigentlich erlaubt sein, jeden Blödsinn anzubieten und dann von den Leuten zu erwarten, so vernünftig zu sein, diesen Blödsinn nicht zu kaufen (und ihn nicht wegzuwerfen)? KOffee to Go Becher ist da so ein Beispiel… Die Debatte um Plastiktüten und deren Verbot in vielen Ländern ist in dieser Hinsicht endlich wieder mal ein Lichtblick. Je älter ich werde, umso mehr werde ich in Umweltthemen zum Verfechter einer rigiden Ordnungspolitik. Nix freier Konsum. Her mit den Verboten! Vielleicht bieten solche Themen ganz neue Schnittmengen für eine Schwarz-Grüne-Koalition?

Als ich damals auf einem dieser Festivals in einem Schlosspark einer schmucken deutschen Kleinstadt in den frühen Morgenstunden aus dem Zelt kroch, fiel mein Blick auf ein älteres Ehepaar, das mit seinem Dackel durch die noch immer über der Zeltstadt hängenden Rauchschwaden spazierte, um sich das verlotterte Pack in den Zelten anzusehen. Das wären die idealen Wähler einer solchen Konstellation: Law and Order gegen diese Müllberge! Und wenn die damals gewusst hätten, wie harmlos wir mit unseren paar Kilo Müll waren…

Also, liebe Festival-Besucher, vereinigt Euch! Her mit ZeroWaste-Aktivitäten auf Festivals, deswegen gehen diese Anregungen auch an die Blogparade:

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Gedudel in der Mülltonne

Karten schreiben ist irgendwie aus der Mode gekommen – das finde ich meistens schade, ZeroWaste-Ideale hin oder her. Aber bei manchen Glückwunschkarten ist das vielleicht doch besser so, vor allem bei denen, die irgendwelches Gedudel (Musik kann man es eigentlich nicht nennen) von sich geben. Ich vermute inzwischen, dass Leute, die solche Karten an uns oder noch häufiger an die Kinder verschenken, vielleicht nicht immer die besten Absichten mit uns haben. Nicht nur, dass wir tage-, wochen- und machmal monatelang dieses Gedudel hören müssen – denn die Kinder sind selbstverständlich entzückt und die Karte verliert für sie oft über Monate hinweg nichts von ihrem Reiz .

Bis wir sie schließlich entnervt entsorgen. Dabei folgte für mich nun der größte Schock: Im letzten Moment fischte ich sie doch noch aus dem spontan gewählten Altpapiereimer, weil mir der Elektroschrott-Sack doch passender vorkam. Da kam mir die Idee, dass man eine vielleicht in der Karte enthaltene Knopfbatterie auch anderweitig noch weiter verwenden könnte. Also öffnete ich die Karte und sah vor mir dieses Elektroschrott-Desaster:

Ich hätte im Leben nie gedacht, dass es für ein bisschen sinnloses Gedudel so viel Elektroschrott braucht! Seitdem bin ich auf diese Art von Karten noch schlechter zu sprechen.

Und habe wieder ein bisschen besseres Gewissen, was unseren Kauf des Monats August angeht: Wir mussten leider doch einen neuen WLAN-Stick kaufen (vielleicht erinnert ihr euch noch an die Geschichte unseres kaputten Sticks), weil unser Multifunktions-Drucker/Scanner-Kopierer –  wie wir jetzt schmerzlich feststellen mussten – nur über WLAN funktioniert.

Wir hätten vielleicht irgendwie ein Kabel nachkaufen können, aber da wir uns sicher waren, dass in einem mehrere Meter langen Kabel mehr Kupfer etc. steckt als in einem kleinen WLAN-Stick, haben wir wohl oder übel doch in den sauren Apfel gebissen. Obwohl wir eigentlich nicht so oft drucken. Aber wenn, wie jetzt aktuell, ist es meist dringend. Und da wir in der Arbeit auf zentrale, öffentlich Drucker zurückgreifen müssen, ist es meist auch keine Lösung, da mal schnell was auszudrucken. Richtig minimalistisch und voll Kaufidät wäre es gewesen, den Drucker auch gleich zu verkaufen und einfach gar nicht mehr zu drucken. Aber soweit sind wir wohl noch nicht… Obwohl es mir mehr und mehr als die tatsächlich richtigste Lösung erscheint. Jedes Ding erfordert plötzlich ein weiteres Ding, was soll das eigentlich? Aber zumindest verursacht der WLAN-Stick auch nicht mehr Elektroschrott als so eine blöde Dudel-Karte!

Opas Welt

Wenn ich nach Vorbildern für unsere Kaufdiät suche, muss ich eigentlich nicht Nunu Kaller und Co. lesen (die abgesehen davon sehr lesenswert sind). Eigentlich habe ich die besten Vorbilder bereits in der Familie: Meine Großeltern. Solange ich mich zurückerinnern kann, hatten meine Großeltern stets dieselbe Wohnungseinrichtung. Nichts veränderte sich: Das Geschirr, die Töpfe, die Möbel, die Kleider – alles war immer gleich. Mit einer Ausnahme: Als sie sich einen neuen Teppich anschafften, war das eine kleine Sensation. Da muss ich so 10 Jahre alt gewesen sein. Danach nahm ich bis zu meinem 33. Lebensjahr, als wir ihre Wohnung aufgelöst haben, keine Veränderung mehr wahr.

Meine Großeltern hatten eine sehr kleine 2-Zimmerwohnung. Sie wollten daIMG_0632s so, denn sie  verbrachten jede freie Minute auf dem Rad oder im Waldoder in den Bergen. In Südtirol, am Lago Maggiore, in Österreich… Ich habe Fotos von meiner Oma auf 3000ern, da war sie 58 Jahre alt. Sie kannten jedes Tal der Alpen. Und sind niemals in den Urlaub geflogen. Ihre Mitbringsel: Meine Oma machte aus den gesammelten Bergblumen Arnikatinktur. Und nach dem Essen gab es einen Südtiroler Schnaps für die Erwachsenen. Mein Großvater sammelte in Südtirol alte Räder und Kutschenzubehör und schmiedete daraus allerlei Lampen, Kerzenständer und ähnliches.

Beim Rasieren drehte mein Opa das Wasser immer nur so weit auf, dass sich das Rädchen am Wasserzähler nicht sichtbar drehte. Nicht aus ökologischen Gründen, sondern aus Sparsamkeit.

Die Ökobilanz meiner Großeltern werde ich in meinem Leben nie erreichen. Dazu bin ich schon viel zu viel in der Welt herumgejettet, habe schon viel zu viel konsumiert. In der Hälfte ihrer Lebenszeit habe ich sie schon weit übertroffen mit meinem Konsum. Aber bin ich deswegen glücklicher? Meine Großeltern wussten, Prioritäten zu setzen. Und ihr Leben konsequent danach auszurichten. Und sie haben ihr Leben sehr ausgekostet. Ich hatte nie den Eindruck, dass es ihnen an etwas gefehlt hätte. Ich habe sie nie „shoppen“ gesehen. Ich erinnere mich nicht, dass sie mal irgendwas kauften. Sie hatten ja alles.

Was wäre schlimm daran, zum Lebensstandard unserer Großeltern zurückzukehren? Ich war immer sehr gern bei meinen Großeltern. Warum lösen wir die Haushalte unserer Vorfahren widerwillig auf, stellen ihre Sachen auf den Sperrmüll? Klar, haben sie nicht den Stil des Möbelschweden. Klar sind Blümchentassen heute nur als Vintage-Accessoire in der modernen Wohnung schick. Aber so ganz ehrlich: Lassen wir uns unsere Leben nicht vom IKEA-Katalog diktieren? Oder von Landlust? Oder von Schöner Wohnen? Oder von Flow? Die rustikalen Wagenräder-Lampen meines Großvaters sind bestimmt nicht mein Stil. Aber sie haben 100%ig zu ihm gepasst. Er wäre nie auf die Idee gekommen, sich bei der Einrichtung seiner Wohnung oder bei seinem Konsum an Katalogen zu orientieren. Wichtig war nicht der Schick, sondern dass ihn das Rad an seine Erlebnisse in Südtirol erinnerte. Deswegen hatten sie es nicht nötig, irgendwas zu kaufen. Irgendwie erscheinen mir meine Großeltern im Rückblick viel weniger fremdbestimmt, als wir das heute so im allgemeinen sind. Oder man wird mit dem Alter „konsum-immun“? Wie auch immer: In Sachen Kaufdiät waren meine Großeltern wahre Meister. Ob ich ihre Meisterschaft je erreichen werde?

 

 

Winnetou von der Straße gerettet

Ist Winnetou für heutige Kinder noch ein Held? Oder ist das reine Elternnostalgie? Kommen Indianergeschichten noch gegen Star Wars an? Ich hoffe, unser Sohn kommt eines Tages ins Karl May-Alter. Und unsere Tochter auch. Für diesen Fall haben wir jetzt schon mal vorsorgen können. Denn da lagen doch auf dem Heimweg tatsächlich alle Winnetou-Bände und noch ein paar weitere Karl-May Schinken einfach so in einer Kiste auf der Straße. Die haben wir also fleißig gerettet (Dinge von der Straße retten dürfen wir trotz Kaufdiät).

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Faust war auch drin. Aber den haben wir liegen lassen. Den haben wir nämlich schon zuhause. Ist das jetzt ein Fauxpas? Es waren noch ein paar andere interessante Bücher drin, darunter einige, die wir auch haben. Keine typischen Bücher, z.B. eines über die Macht des Gewissens. Wer außer uns hat diese Bücher? Das Buch über das Gewissen ist fantastisch, aber ich habe es noch nie bei jemand gesehen. Irgendwie hätte ich diese Leute  gern kennengelernt. Sie müssen uns irgendwie seelenverwandt sein. Oder eben nicht. Denn warum stellen Sie diese Bücher auf die Straße? Vielleicht möchten sie ihren Haushalt minimalistischer gestalten?

Bei mir persönlich endet bei Büchern mein Wille zum Minimalismus. Der Verzicht auf Buchkäufe ist der härteste Aspekt der Kaufdiät. Denn manche Bücher brauche ich zuhause. Ich muss sie immer wieder sehen, damit ich sie entweder wieder einmal lese oder aber allein durch ihre Sichtbarkeit wieder an das erinnert werde, was ich aus ihnen gelernt habe. Bücher, die ich aus der Bücherei ausleihe, verschwinden oft nach dem Lesen wieder aus meinem Bewußtsein. Bücher, die ich im Schrank habe, nie. Sie tauchen immer wieder plötzlich auf. Und packen mich immer wieder neu. Wenn ich ein Buch nach vielen Jahren wieder lese, fallen mir plötzlich ganz andere Dinge auf und mir kommen ganz andere Gedanken dazu. In meinen Büchern zu stöbern ist eine niemals endende, niemals langweilige Beschäftigung.

Zugegeben, auch in meinem Bücherschrank gibt es Bücher, für die einmal ausleihen gereicht hätte. Auf die ich gut verzichten kann. Einige auch, die ich wirklich nicht mag und die ich nur gekauft habe, weil sie so gehypt wurden. Nick Hornby zum Beispiel. Den kann ich ja mal auf die Straße stellen. Es gibt bestimmt viele Leute, die ihn sofort retten würden. Und die sich dann vielleicht fragen, wer da so seelenverwandt mit ihnen ist… :o)

Ich frage mich da eher: Wo sind all die Indianer hin? Ich hoffe, mein Sohn wird mal einer. Und meine Tochter auch. Deswegen war der gerettete Winnetou eine tolle Sache. Ich nehme das Buch gleich mit in den Urlaub. Wird höchste Zeit, dass ich mich mal wieder auf indianische Tugenden besinne…

Wir fressen sie auf. Kaufdiät gegen Earth Overshoot Day.

Ab heute sind die weltweiten Ressourcen aus. Wir haben alles aufgefressen, aufkonsumiert. Denn heute ist ein besonderer Tag: Es ist Earth Overshoot Day, der Tag an dem wir alle in diesem Jahr nachwachsenden Ressourcen des Planeten aufgebraucht haben. Den Rest des Jahres werden wir nun unseren Kindern die Ressourcen der Zukunft wegnehmen. Im letzten Jahr lag dieser Tag noch am 13. August. 1987 war es noch der 19 Dezember. Hier das erschreckende Bild des Desasters:

Jahr Overshoot Day
1987 19. Dezember
1990 7. Dezember
1995 21. November
2000 1. November
2005 20. Oktober
2009 25. September
2010 21. August
2016 8. August

Wir bewegen uns also mit immer schnellerer Geschwindigkeit auf den totalen Kahlschlag unseres Planeten zu. Errechnet hat das alles das Global Footprint Network.

Am frustrierendsten daran finde ich eine Zahl, die ich unlängst auf einem wissenschaftlichen Vortrag hörte: Der Naturverbrauch in Deutschland beträgt im Durchschnitt etwa 70 Tonnen pro Einwohner und Jahr und davon verbleiben nur etwa 20 Prozent länger als ein Jahr in unserer Technosphäre (die Zahl stammt aus Schmidt-Bleek 2007: Nutzen wir die Erde richtig?). Der Rest ist also Müll oder Kollateralschaden unserer Lebensweise?

Wie das sein kann? Ich denke, wir unterschätzen die Kollateralschäden unserer Lebensweise. Wenn man sich Bilder von Minen ansieht, in denen die seltenen Erden für unsere Elektronik-Industrie gewonnen werden, wird deutlich, welche immensen Flächen zerstört werden, nur um die winzigen Mengen an diesen Metallen zu gewinnen, die wir in unseren Elektrogeräten benötigen (wer sich dafür interessiert: Hier oder hier ein kurzer Artikel oder hier für alle, die es ganz genau wissen wollen).

Das Problem erschließt sich uns auch im Laufe unserer Kaufdiät zunehmend am eigenen Leib. Ich habe ja schon vielfach von unseren Erfahrungen berichtet, dass jede Woche mindestens ein Dings kaputt geht. Man betrachte sich z.B. nur mal allein den Elektroschrott, den wir als vierköpfige Familie innerhalb von nur 6 Monaten produziert haben: Ein Toaster, ein Mehrfachstecker, ein Kopfhörer, ein W-LAN-Stick, eine Lichterkette, ein Kinder-Dudel-Telefon, das wir mal geschenkt bekamen. Sowie (nicht zu sehen, weil noch eingebaut oder vom Monteur mitgenommen) das kaputte CD-Laufwerk unseres Notebooks sowie die Elektrosteuerung und noch irgendein Elektronik-Dings in unserer nur 5 Jahre alten Waschmaschine. Unsere Waschmaschine als ganzes konnten wir wenigstens vor dem Elektroschrottplatz bewahren, obwohl der Monteur 3x (!) kommen musste und der Reparaturpreis 65 % des  Neupreises betrug.

 

Gut, all diese Dinge sind jetzt länger als 1 Jahr in der Technosphäre verblieben. Aber wenn man überlegt, wie viele Tonnen Erde für die Gewinnung der in diesen Elektromaterialien enthaltenen Metallen und seltenen Erden bewegt werden mussten und was das an Ressourcenzerstörung bewirkt hat, dann erscheinen mir unsere ZeroWaste- und Plastikvermeidungs-Aktivitäten im Haushalt geradezu wie ein Tropfen auf den heißen Stein verglichen allein mit unserem Elektroschrott. Deswegen führt an einem Konsumverzicht letztlich wohl kein Weg vorbei.

Denn irgendwie kann das ja nicht so bleiben mit unserem Konsum und unserem Ressourcenverbrauch. Denn sonst – auch das war Thema des oben genannten Vortrags – werden wir bis Mitte des Jahrhunderts 4 Erden benötigen, um unseren Ressourcenverbrauch zu decken. Alle, die das auch nicht wollen, kann ich nur herzlich einladen, auch mal eine Kaufdiät auszuprobieren. Ist toll! Wirklich! Ihr werdet eine ganz neue Perspektive auf Eure Dinge und Euch selbst entwickeln. Versprochen! Anregungen findet ihr hier in unserem Blog. Der Earth Overshoot Day ist ein idealer Tag, um damit zu beginnen. Denn ab heute kann man nichts mehr nachhaltig kaufen, ab jetzt ist alles nur noch auf Pump. Schreibt uns von Euren Erfahrungen!

Unseren Beitrag zum Earth Overshoot Day verlinken wir bei der EINAB-Blogparade.

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Vom Kaufentzug zur Kaufunlust – 6 Monate Kaufdiät

Etwas still war es um unseren Blog geworden die letzten Wochen. Warum? Weil wir inzwischen so entspannte Kaufdiäter geworden sind, dass wir uns immer weniger Gedanken darum machen. Zeit, nach 6 Monaten Kaufdiät eine kurze Zwischenbilanz zu ziehen. Hier also ein paar unserer ersten Einsichten:

  1. Pro Woche geht ein Dings kaputt. Mindestens.

Diese Erkenntnis hat uns eigentlich mit am meisten überrascht. Uns ist früher nie aufgefallen, wie viel ständig kaputt geht. Weil wir halt einfach beiläufig Ersatz gekauft haben. War ja nicht schlimm, wenn mal eine Hose kaputt geht. Oder ein Mehrfachstecker. Oder ein Toaster. Oder eine Teekanne. Oder ein BH. Oder, oder, oder…. Wenn man nur einen Gegenstand pro Monat kaufen darf, ist das plötzlich aber schon schlimm. Und jedes kaputte Dings fühlt sich im ersten Moment wie eine kleine „Katastrophe“ an, die den Alltag ungemütlich zu machen droht. Deswegen ist uns Haltbarkeit & Qualität wirklich wichtig geworden. Ich denke mal das behauptet jeder von sich, ich habe uns auch schon vor der Kaufdiät für „Qualitätskäufer“ gehalten. Da habe ich mich wohl verschätzt. Aber wenn man mehrere Monate auf einen Ersatzkauf warten muss, wird Qualität zum Überlebenskriterium. Das einzige Problem dabei: Wie erkenne ich wirkliche Qualität? Da haben wir leider noch keine Patentlösung, da sowohl teure als auch billige Dinge kaputt gehen.

2. Nur sehr wenige der kaputt gegangen Dinge sind unverzichtbar und müssen ersetzt werden.

Klar ist jedes kaputte Dings im ersten Moment ein Verlust und eine ungemütliche Umstellung. Aber wir haben gemerkt: Nach ein paar Tagen oder Wochen ist es, als hätte es das Ding nie gegeben. Und das obwohl wir im ersten Moment meistens vor einem vermeintlich „unlösbaren“ Problem standen. Es fanden sich aber fast immer andere mehr oder weniger provisorische Lösungen, an die man sich erstaunlich schnell gewöhnt, auch wenn sie zunächst unkomfortabel erscheinen. Entspannt sehe ich inzwischen Dinge kaputt gehen und entsorge sie einfach, ohne sie zu ersetzen.

Die Badewannen-Gummimatte der Kinder ist verschimmelt und beim Waschen eingerissen? Egal, es geht bestens auch ohne (niemand ist ausgerutscht, niemand drohte in der Wanne zu ertrinken). Die jetzt kaputte Lichterkette, die für die Kinder beim Schlafen das Nachtlicht war? Geht auch mit einer anderen Lampe. Der kaputte Mehrfachstecker, an dem diverse Geräte hingen? Wir haben etwas umgestellt, umgesteckt und einen kleineren Anderen woanders „eingespart“ und als Ersatz genommen. Der kaputte Toaster? Dazu habe ich hier schon was geschrieben. Der W-LAN Stick ist kaputt? Wir haben eben das alte LAN-Kabel wieder rausgekramt (hier die Story).

3. Kaufdiät ist ein wunderbarer Weg in den Minimalismus. Und manchmal das Gegenteil von Ausmisten.

Die meisten Minimalisten, von deren Aktivitäten ich bisher gelesen habe, beginnen mit dem Ausmisten. Das war eigentlich auch mein Vorsatz für dieses Jahr. Nach 6 Monaten Kaufdiät bin ich vollkommen überzeugt, dass die Kaufdiät der wichtigste Schritt ist.  Denn klar haben auch wir viel Krams, den wir vielleicht gerne ausmisten würden, um uns dann wenige schöne Dinge in schlichterem, „minimalistischeren“ Design zuzulegen, damit unsere Wohnung endlich so schön klar und aufgeräumt wirkt wie in „Schöner Wohnen“. Ausmisten ist befreiend, ganz klar.  Aber es gibt einen zentralen Unterschied: Wenn man ausmistet, entsorgt man Dinge, weil man sie nicht mehr schätzt. Wenn man nichts mehr kauft, fängt man plötzlich an, Dinge zu schätzen, die man vorher ausgemistet hätte. Ohne den ollen Krempel wären wir wesentlich weniger gut durch unsere ersten 6 Monate Kaufdiät gekommen. Und ich habe auch schon das ein oder andere wieder aus der Flohmarktkiste oder dem Altkleidersack hervorkramen müssen.

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3. Kaufrausch war gestern: Nach dem „Entzug“ kommt die Freiheit.

Am Anfang war die Kaufdiät tatsächlich wie ein Entzug. Obwohl ich nie die große Shopping-Queen war, ist es mir schwer gefallen, mich gegen die ständigen Konsum-Versuchungen zur Wehr zu setzen. Sobald sich ein Grund bot (also sobald z.B. was kaputt ging, ein Rabatt oder Sonderangebot winkte), sprang sofort der Kaufimpuls an. Das hat sich vollkommen geändert. Entspannt gehe ich durch die Stadt. Läden, Sonderangebote, Werbung perlt vollkommen an mir ab. Am deutlichsten wird mir das, wenn ich Läden betrete und schöne Dinge sehe: Ich kann sie mir ansehen, ohne sie haben zu wollen. Selbst das, was ich noch vor ein paar Wochen für so wahnsinnig nötig gehalten habe, z.B. eine Sonnenbrille, vermisse ich inzwischen gar nicht mehr (Na ja, das könnte auch am diesjährigen Sommer liegen… ) Manchmal dachte ich auch morgens vor dem Kleiderschrank an die Jeans, die ich so dringend brauche und die ich jetzt im August endlich kaufen darf. Jetzt ist August und ich bin immer noch ganz entspannt. Vielleicht kaufe ich sie erst in den nächsten Wochen irgendwann. Oder im September. Oder irgendwann eben. Ging ja bisher auch so. Jeden Tag wieder irgendwie… Das ist eine Freiheit, die ich nicht mehr missen möchte. Und ich habe eine relativ klare Kaufagenda für die nächsten Monate im Kopf, Dinge, die wir wirklich unbedingt brauchen. Angesichts dieser klaren Prioritäten bin ich kaum zu Impulskäufen zu verlocken.

4. Ein paar Monate nichts kaufen? Gar kein Problem! Aber wird es langfristig funktionieren?

Eine weitere Erkenntnis war: Man kann ohne weiteres einige Monate gar nichts kaufen. Das hätten wir auch problemlos geschafft, also auch ohne einen Gegenstand pro Monat zu kaufen. Denn wir haben gelernt, Bedürfnisse aufzuschieben. Jeden Monate ein Dings kaufen, heißt also immer warten. Abwägen. Prioritäten setzen. Funktioniert wunderbar. Wir hätten bei allem, was wir gekauft haben, auch noch etwas länger warten können. Notfalls. Aber dann hat man irgendwann einen gewissen „Investitionsstau“. Denn manche Dinge muss man halt doch ersetzen. Und das ist der einzige Punkt, über den ich mir einige Gedanken mache, denn wir wollen ja nicht nur ein Jahr nichts kaufen, sondern dauerhaft nur noch ein Dings pro Monat. Wie langfristig lässt sich unsere Kaufdiät durchhalten? Oder müssen wir irgendwann so viele Sonderregeln einführen, dass es etwas willkürlich wird? Ich knabbere z.B. immer noch an unserer „Wäsche-Sonderregelung„.

Hier einige Beispiele für meine Sorgen: Im nächsten Sommer dürften Schuhe ein wichtiges Thema werden. Meine Sandalen sind inzwischen alle recht ausgelatscht. Bei einigen Exemplaren fürchte ich, dass das ihre letzte Saison sein wird.

Und wie machen wir das eigentlich mit Weihnachten? Wenn jeder von uns ein Geschenk bekommt, sind das vier Gegenstände, dann dürften wir eigentlich ab September nichts anderes mehr kaufen. Oder schenken wir uns dieses Jahr nichts? Oder nur Immaterielles? Ganz deutlich überwiegen bei uns nach fast 6 Monaten Kaufdiät inzwischen ganz praktische Bedürfnisse. Ich fände z.B. einen Wintermantel ein ganz tolles Geschenk. Den brauche ich nämlich dringend (den erbärmlichen Zustand meines bisherigen Mantels habe ich hier ja schon beschrieben). Den bräuchte ich allerdings dringend schon vor Weihnachten.

Aber vermutlich läuft es hier ähnlich wie bisher. Irgendeine Lösung findet sich immer. Das ist eigentlich die zentralste Erkenntnis aus 6 Monaten Kaufdiät.