Opas Welt

Wenn ich nach Vorbildern für unsere Kaufdiät suche, muss ich eigentlich nicht Nunu Kaller und Co. lesen (die abgesehen davon sehr lesenswert sind). Eigentlich habe ich die besten Vorbilder bereits in der Familie: Meine Großeltern. Solange ich mich zurückerinnern kann, hatten meine Großeltern stets dieselbe Wohnungseinrichtung. Nichts veränderte sich: Das Geschirr, die Töpfe, die Möbel, die Kleider – alles war immer gleich. Mit einer Ausnahme: Als sie sich einen neuen Teppich anschafften, war das eine kleine Sensation. Da muss ich so 10 Jahre alt gewesen sein. Danach nahm ich bis zu meinem 33. Lebensjahr, als wir ihre Wohnung aufgelöst haben, keine Veränderung mehr wahr.

Meine Großeltern hatten eine sehr kleine 2-Zimmerwohnung. Sie wollten daIMG_0632s so, denn sie  verbrachten jede freie Minute auf dem Rad oder im Waldoder in den Bergen. In Südtirol, am Lago Maggiore, in Österreich… Ich habe Fotos von meiner Oma auf 3000ern, da war sie 58 Jahre alt. Sie kannten jedes Tal der Alpen. Und sind niemals in den Urlaub geflogen. Ihre Mitbringsel: Meine Oma machte aus den gesammelten Bergblumen Arnikatinktur. Und nach dem Essen gab es einen Südtiroler Schnaps für die Erwachsenen. Mein Großvater sammelte in Südtirol alte Räder und Kutschenzubehör und schmiedete daraus allerlei Lampen, Kerzenständer und ähnliches.

Beim Rasieren drehte mein Opa das Wasser immer nur so weit auf, dass sich das Rädchen am Wasserzähler nicht sichtbar drehte. Nicht aus ökologischen Gründen, sondern aus Sparsamkeit.

Die Ökobilanz meiner Großeltern werde ich in meinem Leben nie erreichen. Dazu bin ich schon viel zu viel in der Welt herumgejettet, habe schon viel zu viel konsumiert. In der Hälfte ihrer Lebenszeit habe ich sie schon weit übertroffen mit meinem Konsum. Aber bin ich deswegen glücklicher? Meine Großeltern wussten, Prioritäten zu setzen. Und ihr Leben konsequent danach auszurichten. Und sie haben ihr Leben sehr ausgekostet. Ich hatte nie den Eindruck, dass es ihnen an etwas gefehlt hätte. Ich habe sie nie „shoppen“ gesehen. Ich erinnere mich nicht, dass sie mal irgendwas kauften. Sie hatten ja alles.

Was wäre schlimm daran, zum Lebensstandard unserer Großeltern zurückzukehren? Ich war immer sehr gern bei meinen Großeltern. Warum lösen wir die Haushalte unserer Vorfahren widerwillig auf, stellen ihre Sachen auf den Sperrmüll? Klar, haben sie nicht den Stil des Möbelschweden. Klar sind Blümchentassen heute nur als Vintage-Accessoire in der modernen Wohnung schick. Aber so ganz ehrlich: Lassen wir uns unsere Leben nicht vom IKEA-Katalog diktieren? Oder von Landlust? Oder von Schöner Wohnen? Oder von Flow? Die rustikalen Wagenräder-Lampen meines Großvaters sind bestimmt nicht mein Stil. Aber sie haben 100%ig zu ihm gepasst. Er wäre nie auf die Idee gekommen, sich bei der Einrichtung seiner Wohnung oder bei seinem Konsum an Katalogen zu orientieren. Wichtig war nicht der Schick, sondern dass ihn das Rad an seine Erlebnisse in Südtirol erinnerte. Deswegen hatten sie es nicht nötig, irgendwas zu kaufen. Irgendwie erscheinen mir meine Großeltern im Rückblick viel weniger fremdbestimmt, als wir das heute so im allgemeinen sind. Oder man wird mit dem Alter „konsum-immun“? Wie auch immer: In Sachen Kaufdiät waren meine Großeltern wahre Meister. Ob ich ihre Meisterschaft je erreichen werde?

 

 

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2 Gedanken zu “Opas Welt

  1. Hallo Martina!

    Das erinnert mich an meine eigene Oma. Sie war auch so ein Wunder und hat wirklich – aus heutiger Sicht – sehr alternativ gelebt. Sie war Mindestrentnerin, da war das wohl eher aus einer Notwendigkeit heraus, aber sie hat nie darunter gelitten.

    Vor einiger Zeit habe ich einmal darüber selbst philosophiert
    https://widerstandistzweckmaessig.wordpress.com/2015/01/21/erinnerungen-an-eine-langst-vergangene-zeit/ vielleicht interessiert es Dich.

    lg
    Maria

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Maria,
      vielen Dank für den interessanten Hinweis! Was du beschreibst, ist mir aus Südamerika noch sehr präsent, und vermutlich in weiten Teilen der Welt heute noch eher Realität als unsere Verschwendungssucht. Und gegen unsere Großeltern ist unsere Kaufdiät echt ein Witz, da sind wir immer noch Luxusklasse… LG Martina

      Gefällt 1 Person

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