Die Thermomixisierung unserer Gesellschaft

Eine Freundin berichtete von ihren Erlebnissen bei der Tupper-Party der Nachbarin. Neben dem völlig befremdlichen Kaufrausch von Frauen mit bereits best ausgestatteten Küchen fand ich vor allem eine Beobachtung bemerkenswert: Die Party-Gäste teilten sich offenbar in den heiß geführten Diskussionen ganz überwiegend in zwei Gruppen auf – Thermomix-Besitzerinnen und solche, die es werden wollen.

Thermomix-Besitzerinnen schwärmen – so weiß ich aus eigener Erfahrung – vor allem davon, dass man mit diesem einen Gerät einfach alles machen kann: Mthermomixixen, backen, kochen, dampfgaren, einkochen, rühren… (erfahrene Besitzerinnen mögen diese Liste gern in den Kommentaren ergänzen). Das finde ich auch fantastisch. Der Thermomix ist also eigentlich das ideale Küchengerät für Minimalisten. Man braucht statt Rührgerät, Pürierstab, Herd, Backofen, großem Topf … einfach nur noch ein einziges Gerät. Perfekt, oder?

Der Haken daran ist nur, dass alle Thermomix-Besitzerinnen, die ich kenne, trotzdem zusätzlich weiterhin einen Herd, einen Backofen, ein Rührgerät, einen Mixer… besitzen. (Bei allen neu eingebauten Küchen unserer Bekannten scheint inzwischen sogar ein Dampfgarer zum Standard zu werden.) Warum eigentlich schafft es ein Gerät wie der Thermomix mit so universellen Qualitäten  nicht zum einzigen Erst-Gerät zu werden und andere Geräte zu verdrängen? Das ist eine ganz ernst gemeinte Frage, die keineswegs ironisch die Qualitäten des Thermomix infrage stellt.

Ich glaube eher, dass dieses Phänomen etwas über unsere Gesellschaft aussagt. Wir neigen angesichts unserer generellen Wohlstandssättigung zur Zweit- und Drittbefriedigung unserer Bedürfnisse. Da nehme ich auch uns nicht aus. Zum Beispiel haben wir inzwischen vier Gegenstände in unserem Familienbesitz, die uns Zugang zum Internet verschaffen (zwei Smartphones, ein Tablet und ein Notebook). Vor fünf Jahren war das lediglich einer: Unser Notebook.

Ein anderes Beispiel wäre die Mehrfachdeckung des Fernsehbedürfnisses durch ein Gerät für jedes Familienmitglied oder Fernseher in mehreren Räumen. Wenigstens darauf haben wir verzichtet, wir haben keinen einzigen.

Leider habe ich auch bei unserer neuen Wohnung eine echte Chance verpasst, eine solche Bedarfsüberdeckung zu vermeiden: In diesem Altbau gibt es nämlich kein Warmwasser in der Küche. Eigentlich brauche ich in der Küche auch kein fließendes warmes Wasser: Für die paar Gläser oder Töpfe, die ich gelegentlich mit der Hand spüle, kann ich eigentlich auch Wasser mit dem Wasserkocher erwärmen. Da die Vormieter aber einen Warmwasser-Boiler eingebaut hatten, der jetzt nicht mehr da war, habe ich den Fehler gemacht, den Vermieter danach zu fragen. Mit dem Effekt, dass pünktlich zu unserem Kücheneinbau unser Vermieter uns stolz einen neuen Boiler brachte. Für den ich jetzt auch noch eine neue passende Armatur (Niederdruck) kaufen musste. Ich bereue diese Frage, bei der ich mir gar nicht so viel gedacht habe, aufrichtig.

Auch wir sind also leider ein Beispiel für die Thermomixisierung unserer Gesellschaft: Neue technische Möglichkeiten führen leider gerade nicht dazu, dass dadurch irgendetwas weniger wird, sondern es wird einfach immer mehr, was wir zu brauchen glauben. Der Thermomix ersetzt eben nicht die weniger universelle Technik, sondern kommt eben einfach auch noch zusätzlich dazu. Passend dazu erzählte mir meine Mutter, was für ein Luxus fließend warm Wasser in den 60er Jahren war. Ein Luxus, den es nur in wenigen Wohnungen gab. Irgendwie ist die Kaufdiät doch noch nicht tief genug in mein Unterbewußtsein gedrungen. Man muss das irgendwie noch grundsätzlicher denken.

Zur Strafe hat uns übrigens der Einbau des Boilers in den Spülenunterschrank stundenlang beschäftigt und starke Nerven gekostet. Beim nächsten Umzug bleibt die Küche hier und ich schaffe mir einen Thermomix an.

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3 Gedanken zu “Die Thermomixisierung unserer Gesellschaft

  1. Ich finde den Thermomix ehrlich gesagt so überflüssig wie nur sonstwas. Er kann und macht nichts, was man nicht mit normalen Küchengeräten genauso gut hinkriegen würde. Er ist einfach nur ein Statussymbol, das man haben muss, um entsprechend zu zeigen, dass man es sich leisten kann und nicht „von gestern“ ist. Zudem sind seltsamerweise die Bekannten von mir, die so ein Superdupergerät haben, diejenigen, die am allerwenigsten kochen und backen, sondern oft essen gehen, oft Fertigzeugs kaufen, und dann am Wochenende vielleicht mal einen Kuchen im Thermomix machen.:) In meinen Augen ist so ein Thermomix (der echte, nicht der von Aldi) sowas wie ein Porsche für die Küche, den man vor allem zum Angeben kauft. Ich backe und koche fast alles selbst, kaufe nie Fertiggerichte, und ich komme mit so altmodischen Gerätschaften wie Schneebesen, Mixer (zehn Jahre alt), ein paar Töpfen und Pfannen und meinem Ofen bestens zurecht.

    Übrigens an dieser Stelle: ich finde dein Projekt und deine Berichte über eure Erfahrungen ganz toll! Ich lese schon seit langem mit und möchte jetzt ab Januar selbst das Kaufdiät-Projekt anfangen. Vielen Dank für deinen Blog und deine Beiträge!

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    • Hallo Ronja, so ähnlich sind meine Beobachtungen in Sachen Thermomix leider auch. Schade eigentlich, oder?
      Aber wie schön, dass Dir unser Projekt gefällt und du auch eine Kaufdiät anfangen willst! Es freut mich wirklich sehr, mehr Mitstreiter zu bekommen! Schreib mir doch gern auch mal was über deine Erfahrungen damit! Ich hoffe, du findest auch deinen Spaß an der Herausforderung! Viele Grüße, Martina

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      • Hallo Martina,
        ja, ich finde es auch schade, dass so viele Statussymbole für ihr Selbstbewusstsein brauchen. Und noch schlimmer ist es in meinen Augen, dass wir zu einer einzigen Wegwerfgesellschaft geworden sind. Kleider, Elektronik, Haushaltsgeräte, Kosmetik, Deko, ja sogar Haustiere, alles wird „entsorgt“, wenn man es nicht mehr haben will oder sich was Neues kaufen möchte. Die Wegwerf- und Neu-Kauf-Zyklen werden immer kürzer, die Müllberge immer größer, die Ignoranz gegenüber Lebewesen und Menschen,die für unseren Konsum ausgebeutet werden, immer beängstigender.

        Gerade auch deshalb sind Projekte wie deins wichtig, weil sie zeigen, dass es auch anders geht, und weil sie motivieren, es selbst auch zu versuchen.

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