Kaputt-Kalender 2017

Das neue Jahr fängt genauso an, wie das alte aufgehört hat: Mit jeder Menge kaputten Dingen – jede Woche wieder mindestens eins. Kaum zu glauben? Lest selbst…

6. Januar:
Beim Abschmücken des Christbaums gehen drei Weihnachtskugeln zu Bruch. Na ja, das Problem wird uns frühestens im Dezember beschäftigen. Ich glaube, unser Weihnachtsbaum verträgt ohnehin etwas mehr Minimalismus…

12. Januar:
Das Korbtablett verliert einen Henkel. Gut, es ist auch schon über 16 Jahre alt. Und wurde von den Kindern regelmäßig als Kuscheltier-Zieh-Boot oder sogar zum Selberreinsetzen  zweckentfremdet. Aber doch recht ärgerlich, weil wir in der neuen Wohnung ein Esszimmer haben, also mehr Geschirr transportieren müssen. Na ja, bisher gehts auch ohne. Und soll man nicht ohnehin 10.000 Schritte am Tag laufen? Oder wir fassen das Tablett unter den Boden, das geht notfalls auch. Eigentlich war es eh hässlich, aber für ein Tablett wollen wir grad wirklich keinen wertvollen Monatskauf vorsehen. Und überhaupt, wird Zeit, das die Kinder das Tischdecken und – abräumen lernen…

16. Januar:
Meinen Stopfkünsten zum Trotz: Eine Socke ist unrettbar verloren, die Sohle ist durchsichtig und mehr Loch als Restsocke, deswegen wandert sie in den Müll. Die Partnersocke bleibt: Fast alle unserer Socken sind schwarz und wenn mal wieder eine aus welchen Gründen auch immer vereinzelt, wird das die Ersatzsocke.

18. Januar:
Eine Bluse hat einen Riss im Ärmel. Ich habe eine Weile überlegt, die Ärmel zu kürzen. Anderseits habe ich derzeit wenig langärmelige Oberteile. Ich lasse die Bluse im Schrank und beschließe, sie einfach weiter unter Pullis oder Jackett zu tragen.

20. Januar:
Eine Tupperdose hat mysteriöserweise ihren Deckel verloren. Unauffindbar. Na wer sagt´s denn: Unsere Schränke misten sich einfach von selbst aus! Irgendwann sollen Edelstahlboxen die Plastikdinger ersetzen, aber derzeit ist kein Monatskauf für so nen Krimskrams eingeplant. Kein Notfall, solange noch welche im Schrank sind.

31. Januar:
Der Staubsauger macht schlapp! Der Motor ächzt nur noch leise vor sich hin. Warum ausgerechnet der Staubsauger?? Wir haben drei Föns und zwei Wasserkocher – warum geht nicht davon einer kaputt? Hoffentlich finde ich einen Ort in der Stadt, wo ich den reparieren lassen kann!

1. Februar:
Die Wäschekiste geht zu Bruch – so eine praktische Plastikkiste zum Zusammenklappen. Es hat beim Wäschetransport einfach den Boden rausgebrochen. Ich konnte sie notdürftig wieder zusammenflicken, wenn man sie unter dem Boden anfasst, gehts noch ne Weile. Und wir haben noch eine andere. Dann müssen wir die saubere Wäsche in Zukunft wohl schneller verräumen und nicht mehr ewig in Kisten stehen lassen.

6. Februar:
Der Bilderrahmen mit dem Foto der kleinen Maus ist kaputt gegangen. Im Kindergarten sollen alle Kinder so ein gerahmtes Foto an ihrem Platz stehen haben. Ist im letzten Jahr schon mal passiert, da habe ich ihn nochmal geleimt. Jetzt also schon wieder kaputt. Bevor ich ihn nochmal vergeblich leime, suche ich eine Alternative in unserem Haushalt und finde den Bilderrahmen mit dem Bild vom Tiger. Der geht jetzt in die Schule und braucht sein Kindergartenbild nicht mehr. Voilá…

12. Februar:
Der Deckenfluter macht schlapp. Hoffentlich ist es nur die Halogenleuchte! Wir benutzen diesen Deckenfluter nämlich derzeit als Ersatz für die fehlende Esszimmerlampe. Da unser Esszimmer in der Diele ist, die nur durch Nachbarzimmer-Fenster Licht erhält, ist Licht hier besonders wichtig. Wir behelfen uns mit einer Lichterkette und einer alten Stehlampe ohne Schirm (da wollte ich eines Tages mal einen neuen zu basteln, wie gut, dass wir sie nicht weggeworfen haben!).

… Fortsetzung folgt…

An diesen Beispielen zeigt sich übrigens wieder ganz gut der enorme Effekt unserer Kaufdiät: Ohne unseren Konsumverzicht hätten wir ganz sicher ruckizucki mindestens Ersatz besorgt für das Tablett, die Bluse, den Staubsauger, die Tupperdose, den Bilderrahmen und die Wäschekiste. Und vielleicht auch für die Weihnachtskugeln, wenns grad im Schlussverkauf welche günstig gegeben hätte. Und das alles ohne auch nur drüber nachzudenken, wahrscheinlich mal so eben, wenn man eh in der Stadt ist. Einzig den Staubsauger hätten wir vermutlich als bewussten Neukauf wahrgenommen.

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Trennungsprobleme

Zu den vielen ungelösten Rätseln der Menschheit gehört die Frage, wie man Gegenstände unserer modernen Zivilisation wieder sinnvoll in ihre Einzelheiten zerlegt. Dank eines Heeres kreativer Materialerfinder geht die Zahl jährlich neu entwickelter Materialien in die Tausende. Besonders beliebt bei Materialentwicklern und besonders verhasst bei der Abfallwirtschaft sind dabei Materialverbünde.

img_1288Mit Staunen habe ich heute auf einer Fachveranstaltung erfahren, dass die Abfallwirtschaft noch keinerlei wirtschaftlich und/oder technisch sinnvolle Lösung hat, wie z.B. Duscharmaturen (Verbund aus Metall und Kunststoff), Armbanduhren (Carbonziffernblatt), Fensterscheiben (Silberbeschichtung), Bleiglas oder Autoscheinwerfer wieder sinnvoll in recyclingfähige Einzelbestandteile zerlegt werden können. An der Demontage von Autoscheinwerfern scheinen selbst Heere osteuropäischer Billigarbeiter zu scheitern. Vollkommen ungelöst ist zudem das Thema Recycling von Baumwollfasern.

In grenzenlosem Urvertrauen in die technische Kompetenz deutscher Recycling-Unternehmen bin ich irgendwie davon ausgegangen, dass es für nahezu alles, was ich in den Müll werfe, eine ausgeklügelte Methode der Entsorgung und Wiederverwertung gibt. Das stimmt auch theoretisch für die meisten Einzelmaterialien. Aber da diese zunehmend in immer schwieriger trennbaren und immer individuelleren Materialmixen verbunden werden, ist es tatsächlich oft unmöglich, die Ausgangsmaterialien zu retten.

Dann gibt es noch ein weiteres Problem: Selbst wenn man mit viel Forschungsaufwand eine technische Lösung für die Trennung des neuesten Materialmixes des Autoscheinwerfermodells der Serienreihe xyz gefunden hat: Wo bekommt man denn eine ausreichende Menge genau dieser Bauteile her, damit sich der Aufwand überhaupt lohnt? Der einzig gangbare Weg wäre eigentlich, dass jedes Produkt am Ende seines Lebens wieder beim Hersteller landet.

Wenn man einmal das Privileg hat, auf so einer Fachtagung einen Tag lang den Sorgen der Recycler, den Schilderungen eines Glasproduzenten zum unvollstellbar hohen Energiebedarf der Glasherstellung oder den Herausforderungen durch die gigantischen Abfallströme durch Bauschutt zu lauschen, bekommt man wieder ein Gefühl dafür, was all das, was uns  selbstverständlich erscheint, mengenmäßig allein in Deutschland an Ressourcen verbraucht. Bei unserem letzten Austausch des alten Duschkopfs in unserer alten Wohnung habe selbst ich keinen vertieften Gedanken an die Probleme des Duschkopfrecyclings verschwendet und mir keine Vorstellung davon gemacht, wie viele Duschköpfe 80 Millionen Bundesbürger so verbrauchen.

Fassungslos lauschte ich dem Wahnsinn, der hinter dem Lebensweg unserer Alltagsprodukte steckt. Und hatte wieder einmal das Gefühl, dass eine Kaufdiät der einzige Weg aus diesem ganzen Schlamassel ist. Denn mit jedem Kauf verursacht man eigentlich gleich drei Probleme: Die Entsorgung des alten Produkts, die Herstellung des neuen Produkts und die eines Tages wieder zu erwartende Entsorgung des neuen Produkts.

Und – das war die weitere Erkenntnis, die mir heute wieder glasklar vor Augen kam – es kommt auf uns alle und auf alles an. Jedes, wirklich jedes Produkt, dass wir länger nutzen, reparieren, upcyclen oder dem wir mit besserer Pflege zu einer längeren Lebensdauer verhelfen, hat einen viel größeren Effekt, als wir es uns angesichts unserer kleinen Einzelentscheidung träumen lassen. Auch wenn wir gefühlt fast nie einen neuen Duschkopf oder Autoscheinwerfer kaufen oder ein altes Haus abreißen – in der Masse wird aus jedem unserer vermeintlich unwichtigen Einzelkäufe ein riesiges Problem. Und wenn wir alle Produkte unseres Lebens zusammenzählen, müsste uns schwindelig werden von dem riesigen Problemberg, den wir so en passant unwillentlich und unbewusst verursacht haben. Die Abfallwirtschaft denkt nicht in einzelnen Duschköpfen, sondern in Tausenden von Tonnen. Täglich.

Wieder mal was für die Einab-Blogparade  – schaut doch mal vorbei:

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Wie viele Teller braucht der Mensch?

Für die Frage, wie viel Geschirr man benötigt, gibt es historische Extrembeispiele. Der radikalste Minimalist der Geschichte, der Philosoph Diogenes, lebte in einer Tonne und besaß als einziges Eigentum einen Becher. Als er sah, wie ein Kind aus der hohlen Hand trank, warf er auch den weg.

So weit sind wir noch nicht. Aber mit unserem Umzug sind nun leider auch einige Gegenstände unserer früheren Mitbewohnerin endgültig aus unserem Haushalt ausgezogen. Vor allem beim Geschirr und Küchenbestand hat uns das einige Lücken in den Bestand gerissen. Wir sind nun etwas knapp mit Tellern, Schneidemessern und Kochlöffeln ausgestattet. Wir haben nun nur noch 6 große Teller, 9 kleine Teller sowie 4 Suppenteller. Außerdem vermisse ich den Keramik-Zwiebeltopf, aber das ist Luxus, den wir jetzt nicht unbedingt gleich zu kaufen brauchen.

Bei den Tellern stellt sich da schon eher die Frage: Wie viele Teller braucht man als vierköpfige Familie, um den Alltag reibungslos zu meistern? Eigentlich kommen wir so halbwegs gut hin, wenn wir alle 1-2  Tage die Geschirrspülmaschine laufen lassen. Hin und wieder muss ich ein oder zwei Teller rausziehen und schnell mit der Hand spülen.

img_1280Für Engpässe haben wir außerdem altes Plastik-Geschirr (ein Mix aus altem Camping- und Baby-Bestand) hervorgekramt und notfalls griffbereit in die Küchenschränke gestellt (wieder mal war ich froh, etwas nicht weggeworfen zu haben). Das finde ich sinnvoll, wenn auch weder schön, noch gesund (Plastik…). Aber wir greifen sowieso nur selten darauf zurück. Und dann freuen sich die Kinder, ihre Babyteller wiederzusehen.

img_1282Um unsere Tellerauswahl noch etwas weiter zu erweitern, haben wir außerdem diesen Teller, der eigentlich dafür gedacht ist, zur Zierde an einer Wand zu hängen, kurzerhand in regelmäßigen Betrieb genommen statt ihn wieder aufzuhängen. Wir nutzen ihn vor allem, um etwas (Käse, Gemüse, Obst, Mozzarella…) schön darauf zu drapieren.

 

img_1279Einen weiteren Teller habe ich angesichts unseres Geschirrengpasses kurzerhand im Vorbeigehen aus dem Sperrmüll gezogen. Eigentlich auch ganz hübsch, oder? Und passt durch sein zeitloses Weiß zu allen anderen Tellern…

 

 

img_1281Ehrlich gesagt stammt eigentlich fast unser gesamtes aktuelles Geschirr (bis auf 6 kleine Teller, die ich vor ein paar Jahren mal neu gekauft habe) immer noch aus der Haushaltsauflösung, aus der ich vor über 20 Jahren meine erste eigene Wohnung bestückt habe. Das Blumen-Muster finde ich immer noch recht hübsch und habe es mir auch nach 20 Jahren noch nicht übergesehen.

 

Und siehe da: Uns fehlt eigentlich gar nichts. Zu Weihnachten haben wir sogar mit bis zu 8 Personen gemütlich mit unserem Geschirrbestand essen können. Niemand hat aus dem Topf essen müssen. Inzwischen frage ich mich, ob ich überhaupt wieder mehr Teller haben will. Es geht uns eigentlich wirklich prima! Wir nutzen unser Geschirr kreativer und essen z.B. manchmal Suppe aus Müsli- oder Dessertschälchen. Die Kinder kriegen manchmal einfach einen kleinen Teller. Mögen sie eh lieber für ihre kleinen Portionen. Zum Anrichten haben wir zusätzlich auch noch zwei ganz große Teller. Ergo: Das 12-Personen-Tafelservice ist vollkommen überbewertet. Braucht man selbst mit Gästen nicht unbedingt. Und unser Haushalt ist wieder ganz von selbst ein Stück minimalistischer geworden.

Die Konsumgesellschaft mistet aus… (II)

Hier ein weiterer provokanter Beitrag zum Trend-Thema Ausmisten. Ich befürchte, dass ich spätestens jetzt aus den Minimalisten-Link-Tipps geworfen werde, was den Leserzahlen dieses Blogs wirklich schaden würde. Aber wie erfahrene Leser dieses Blogs wissen, sind wir echte und radikale Kauf-Minimalisten. Ein „Kauf-Minimalist“ muss – so unsere bisherige Kaufdiät-Erfahrung – zwingend Ausmist-Minimalist sein, um immer Ersatz für all die ständig kaputt gehenden Gegenstände parat zu haben… Liebe Minimalismus-Community verzeihe uns also und folge uns tolerant bei folgenden weiteren Überlegungen….

Lifestyle schlägt Geschichte: Niemand will den altmodischen Kram

Wer will noch Dinge von seinen Eltern/Großeltern erben? Lausche ich den Geschichten meiner Bekannten überwiegt die Erleichterung, wenn endlich die Wohnung der verstorbenen Großeltern/Eltern aufgelöst und der ganze Krempel ausgemistet ist. Oder wie es ein Freund (übrigens einer der wenigen radikalen Ausmistungsgegner in meinem Bekanntenkreis) einmal ausdrückte: „Da hat die Oma ihr ganzes Leben auf das Leinentuch ihrer Aussteuer aufgepasst und die Erben werfen es einfach in den Müll.“

Häkeln wird gerade wieder trendy – aber gibt es kreative Upcycling-Ideen für all die Häkeldeckchen unserer Großmütter? Müssen wir in unserem Leben je wieder neues Geschirr, Besteck, Töpfe, Bettwäsche oder ähnliches anschaffen oder wären nicht die Schränke unserer Großeltern voll davon? Warum möchten wir eigentlich schicke neue Töpfe, wo wir den Topf haben könnten, in dem uns unsere Großeltern die Lieblingsessen unserer Kindheit gekocht haben?

Nein, wir brauchen neues Geschirr, neue Töpfe, neue Bettwäsche. Weil die Ausstattung unserer Großeltern nicht dem aktuellen Lifestyle-Trend entspricht. Es geht nicht darum, einen Topf zu haben. Oder einen Teller. Sondern es geht ums Design. Was für ein langlebiges und anachronistisches Konzept war dagegen die „Aussteuer“. Da bekamen junge Mädchen die Bett- und Tischwäsche ihres Lebens von ihren Eltern zur Hochzeit mit. Die Tischwäsche unseres Lebens? Wo doch schon die Trendfarbe des nächsten Frühjahrs neue Tischsets erforderlich zu machen scheint? Wir haben eine seltsame Gleichzeitigkeit der Überwertung von materiellen Gütern (z.B. der Wichtigkeit des Tischdeckendesigns) und der totalen Respektlosigkeit gegenüber denselben Gütern: Was ist mir die Tischdecke, die ich vor 5 Jahren gekauft habe, noch wert? Wann und vor allem warum haben wir eigentlich aufgehört, diese Dinge mit dem gebührenden Respekt zu behandeln?

Glücklicherweise gibt es dank „Vintage“und „shabby chic“ einen gewissen Gegentrend, der zumindest einige der Erbstücke wieder salonfähig macht. Und mit Ebay-Kleinanzeigen, Dawanda & Co. erhalten derlei Gegenstände auch ein geeignetes Forum.

Aber mal ganz ernsthaft: Müsste für deutsche Haushalte eigentlich überhaupt irgendein Gegenstand neu produziert werden? Bieten die Haushalte unserer Vorfahren nicht noch genug Ausstattung für mindestens eine weitere Generation? Wenn von heute auf morgen für fünf Jahre kein einziger neuer Haushaltsgegenstand produziert würde: Würden wir irgendeinen Mangel leiden? Freilich hätte an solchen Überlegungen eine ständigen Neukonsum benötigende Wirtschaft keinerlei Interesse. Und wir – auch ich – lassen uns von den glitzernden, schicken Neuheiten locken und werfen dafür die Produktion einer ganzen Generation auf den Müll.  Aber liebe Leute: Es ist nur ein Topf. Nur ein Teller. Warum ist uns das Design wichtiger als die Erinnerung? Warum die Mode wichtiger als die Geschichte?

Und jetzt sagt bitte nicht, dass ihr einfach schon alles habt, wenn wieder mal ein Haushalt von Großtanten nach deren Tod aufgelöst wird. Denn obwohl wir alles haben, kaufen wir ja auch ständig was Neues. Hand aufs Herz: Wer hat in den letzten 5 Jahren keinen einzigen Haushaltsgegenstand neu gekauft, den er nicht auch hätte erben oder aus einem Nachlass erwerben können (z.B. mal bei einer Kleinanzeige für eine Haushaltsauflösung anrufen…)? Also ich gestehe: Auch ich habe gern bei Tchibo zugeschlagen (vor der Kaufdiät…).

Und die Wirtschaft? Ruinieren wir die Wirtschaft, wenn wir das alles nicht mehr kaufen würden? Klar leidet dann die Konsumgüterindustrie erheblich. Aber wie wäre es, wenn wir von dem gesparten Geld einfach was anderes kaufen würden? Zum Beispiel mehr Geld für wirklich hochwertige Produkte ausgeben? Für qualitativ hochwertiges Essen? Für kulturelle Aktivitäten? Für Kunst? Wie wäre es, statt einem Thermomix ein echtes Original-Gemälde von einem unbekannten Künstler zu kaufen? Für den Gegenwert eines Kochtopsets könnte man bestimmt 10 Mal ins Theater gehen. Warum spare ich mir nicht das neue Geschirr und investiere stattdessen in eine wunderschöne Massivholz-Tür, die dann über Hundert Jahre in Schönheit alt werden werden kann? Oder bezahle einen Schreiner, der die alten Möbel der Großeltern aufarbeitet? Wir würden damit die Wirtschaft keineswegs ruinieren. Wir könnten Menschen dafür bezahlen, dass sie wertvolle und schöne Gegenstände reparieren, pflegen, wieder aufbereiten. Jeder, der einmal einen alten Stuhl abgeschliffen und neu aufbereitet hat, weiß, dass das zeitintensiver und teurer ist als einen neuen zu kaufen. Das schafft auch Arbeitsplätze. Und wir würden für unser sauer verdientes Geld einfach weniger Produkte kaufen, die wir nach 5 Jahren wieder ausmisten wollen. Vielleicht wären dann sogar Gegenstände dabei, die unsere Enkel eines Tages von uns erben wollen.

 

Die Konsumgesellschaft mistet aus…

Ausmisten ist in. Weniger ist das neue Mehr. Direkt nach dem Weihnachtskonsumrausch beginnen viele meiner Bekannten zu Jahresanfang mit dem guten Vorsatz endlich gründlich auszumisten. Es gibt schon fast so etwas wie einen gewissen sozialen Druck zum Ausmisten: Wer nicht ausmistet, erregt schnell den Verdacht ein Messie zu sein.

Zeit, zu diesem gesellschaftlichen Megatrend einmal ein paar grundsätzliche Überlegungen anzustellen. Das will ich nun in einigen aufeinanderfolgenden Blogbeiträgen tun und fange einmal mit einer wirklich kontroversen und etwas provokanten Perspektive an….

Was früher Rohstoff war, ist heute Abfall

Meine Mutter erzählte mir aus ihrer Kindheit noch folgendes: Jedes Paket wurde sehr sorgfältig ausgepackt, da man sowohl die Paketschnur als auch das Packpapier wiederverwenden wollte. Aluminium, auch kleinste Mengen z.B. von Schokoladenpapier wurden sorgfältig glattgestrichen, aufbewahrt und wiederverwendet. Eine Freundin erzählte mir, dass ihre Mutter früher alte Wollpullis wieder aufribbelte und die Wolle aufrollte, um daraus Neues zu stricken.

Welche Würdigung von Rohstoffen und Materialien, oder? Vielleicht sollten wir, statt zu überlegen, was wir ausmisten, lieber darüber nachdenken, was wir aufheben und wiederverwenden könnten? Allerdings befürchte ich, dass jedem, der heute noch eine Sammlung alter Paketschnüre anlegt, vermutlich ein hochgradiges Messie-Syndrom diagnostiziert werden würde.

Ein bisschen von dieser Sammelwut muss ich geerbt haben, ich sammle alte Geschenkpapiere, -bänder und -schleifchen, die ich wiederverwende. Und dieses Jahr ist mir beim Abbau des Adventskranzes eingefallen, dass ich auch den Draht aufheben könnte, mit dem die Zweige um den ewig wiederverwendeten Strohkranz gewickelt werden. Eine Tendenz zur Messie-ness in vielen meiner Schubladen durch diese Haltung lässt sich nicht abstreiten. Aus dem Ruder läuft bisweilen auch meine Altglassammlung – so viel Marmelade kann ich gar nicht kochen… Aber als ich jetzt für den geduldigsten Ehemann von allen Suppen fürs Bürolunch einfrieren wollte, waren wenigstens gut geeignete Gläser zur Hand (weil wir nix nachkaufen, werden unsere Plastik-Tupperdosen immer weniger). Und auch für Verpackungen werde ich immer wieder mal fündig, denn ich hebe Plastiktütchen, die mir z.B. die Gemüsekiste unfreiwillig aufdrängt (z.B. für den Feldsalat) ebenso auf wie Alu-Folie, die unseren Haushalt nur noch unfallsweise erreicht (wer hat da beim Falafelholen wieder vergessen „ohne Alufolie“ zu sagen?!).

Die Sammlung von Gummibändern habe ich dagegen aufgegeben, weil ich für den Rest meines Lebens bereits genug Gummibänder im Küchenschrank habe. Außerdem sammle ich alte zerrissene Jeans, weil ich irgendwann auf eine Eingebung hoffe, was ich eines Tages daraus tolles upcyclen kann, wenn ich endlich mal einen Nähkurs mache.

Sehr froh war ich auch über meine Sammelwut beim Wiedereinbau unserer Küche in die neue Wohnung: Da ich die Holzverschnittreste vom letzten Kücheneinbau noch hatte, brauchten wir nur eine einzige neue Sockelleiste. Für alles andere waren noch geeignete Stücke da. Und unser Schreiner-Freund, ein noch passionierterer Sammler als ich, rollte liebevoll die Reste der Bügelkanten auf und verpackte sie sorgfältig, damit wir auch bei unserem dann dritten gemeinsamen Kücheneinbau in hoffentlich fernster Zukunft wieder darauf zurückgreifen können.

Ich mache also durchaus auch gute Erfahrungen mit meinen Sammlungen. Deswegen lautet mein Vorsatz für 2017: Wiederverwenden, wiederverwenden, wiederverwenden. Das Ausmisten schiebe ich dagegen weiter auf und warte erst mal, wie sich unsere Kaufdiät weiter entwickelt. Wer weiß, was wir dieses Jahr wieder unerwartet brauchen werden? Solange beschränkt sich mein Ausmisten weiterhin auf eine „Flohmarktkiste“, auf die ich dann vermutlich wie im letzten Jahr auch, immer wieder zurückgreifen werde, wenn wieder mal was im Kaufdiät-Haushalt kaputt gegangen ist.

Und wer übrigens glaubt, etwas sei Müll, der möge vor dem Wegwerfen unbedingt noch etwas auf Pinterest stöbern zu Stichworten wie Deko, Upcycling o.ä. – wenn man hier eine Weile rumschaut, hat man das Gefühl eigentlich gar nichts mehr wegwerfen zu dürfen, sondern eigentlich erstmal zu Schere, Farbe und Bastelkleber greifen zu müssen.

Und was sammelt ihr so? Habt ihr noch gute Ideen, was man unbedingt aufheben sollte?