Die Konsumgesellschaft mistet aus…

Ausmisten ist in. Weniger ist das neue Mehr. Direkt nach dem Weihnachtskonsumrausch beginnen viele meiner Bekannten zu Jahresanfang mit dem guten Vorsatz endlich gründlich auszumisten. Es gibt schon fast so etwas wie einen gewissen sozialen Druck zum Ausmisten: Wer nicht ausmistet, erregt schnell den Verdacht ein Messie zu sein.

Zeit, zu diesem gesellschaftlichen Megatrend einmal ein paar grundsätzliche Überlegungen anzustellen. Das will ich nun in einigen aufeinanderfolgenden Blogbeiträgen tun und fange einmal mit einer wirklich kontroversen und etwas provokanten Perspektive an….

Was früher Rohstoff war, ist heute Abfall

Meine Mutter erzählte mir aus ihrer Kindheit noch folgendes: Jedes Paket wurde sehr sorgfältig ausgepackt, da man sowohl die Paketschnur als auch das Packpapier wiederverwenden wollte. Aluminium, auch kleinste Mengen z.B. von Schokoladenpapier wurden sorgfältig glattgestrichen, aufbewahrt und wiederverwendet. Eine Freundin erzählte mir, dass ihre Mutter früher alte Wollpullis wieder aufribbelte und die Wolle aufrollte, um daraus Neues zu stricken.

Welche Würdigung von Rohstoffen und Materialien, oder? Vielleicht sollten wir, statt zu überlegen, was wir ausmisten, lieber darüber nachdenken, was wir aufheben und wiederverwenden könnten? Allerdings befürchte ich, dass jedem, der heute noch eine Sammlung alter Paketschnüre anlegt, vermutlich ein hochgradiges Messie-Syndrom diagnostiziert werden würde.

Ein bisschen von dieser Sammelwut muss ich geerbt haben, ich sammle alte Geschenkpapiere, -bänder und -schleifchen, die ich wiederverwende. Und dieses Jahr ist mir beim Abbau des Adventskranzes eingefallen, dass ich auch den Draht aufheben könnte, mit dem die Zweige um den ewig wiederverwendeten Strohkranz gewickelt werden. Eine Tendenz zur Messie-ness in vielen meiner Schubladen durch diese Haltung lässt sich nicht abstreiten. Aus dem Ruder läuft bisweilen auch meine Altglassammlung – so viel Marmelade kann ich gar nicht kochen… Aber als ich jetzt für den geduldigsten Ehemann von allen Suppen fürs Bürolunch einfrieren wollte, waren wenigstens gut geeignete Gläser zur Hand (weil wir nix nachkaufen, werden unsere Plastik-Tupperdosen immer weniger). Und auch für Verpackungen werde ich immer wieder mal fündig, denn ich hebe Plastiktütchen, die mir z.B. die Gemüsekiste unfreiwillig aufdrängt (z.B. für den Feldsalat) ebenso auf wie Alu-Folie, die unseren Haushalt nur noch unfallsweise erreicht (wer hat da beim Falafelholen wieder vergessen „ohne Alufolie“ zu sagen?!).

Die Sammlung von Gummibändern habe ich dagegen aufgegeben, weil ich für den Rest meines Lebens bereits genug Gummibänder im Küchenschrank habe. Außerdem sammle ich alte zerrissene Jeans, weil ich irgendwann auf eine Eingebung hoffe, was ich eines Tages daraus tolles upcyclen kann, wenn ich endlich mal einen Nähkurs mache.

Sehr froh war ich auch über meine Sammelwut beim Wiedereinbau unserer Küche in die neue Wohnung: Da ich die Holzverschnittreste vom letzten Kücheneinbau noch hatte, brauchten wir nur eine einzige neue Sockelleiste. Für alles andere waren noch geeignete Stücke da. Und unser Schreiner-Freund, ein noch passionierterer Sammler als ich, rollte liebevoll die Reste der Bügelkanten auf und verpackte sie sorgfältig, damit wir auch bei unserem dann dritten gemeinsamen Kücheneinbau in hoffentlich fernster Zukunft wieder darauf zurückgreifen können.

Ich mache also durchaus auch gute Erfahrungen mit meinen Sammlungen. Deswegen lautet mein Vorsatz für 2017: Wiederverwenden, wiederverwenden, wiederverwenden. Das Ausmisten schiebe ich dagegen weiter auf und warte erst mal, wie sich unsere Kaufdiät weiter entwickelt. Wer weiß, was wir dieses Jahr wieder unerwartet brauchen werden? Solange beschränkt sich mein Ausmisten weiterhin auf eine „Flohmarktkiste“, auf die ich dann vermutlich wie im letzten Jahr auch, immer wieder zurückgreifen werde, wenn wieder mal was im Kaufdiät-Haushalt kaputt gegangen ist.

Und wer übrigens glaubt, etwas sei Müll, der möge vor dem Wegwerfen unbedingt noch etwas auf Pinterest stöbern zu Stichworten wie Deko, Upcycling o.ä. – wenn man hier eine Weile rumschaut, hat man das Gefühl eigentlich gar nichts mehr wegwerfen zu dürfen, sondern eigentlich erstmal zu Schere, Farbe und Bastelkleber greifen zu müssen.

Und was sammelt ihr so? Habt ihr noch gute Ideen, was man unbedingt aufheben sollte?

 

 

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2 Gedanken zu “Die Konsumgesellschaft mistet aus…

  1. Ich sammele eigentlich nichts, von Natur aus, das ist irgendwie genetisch nicht bei mir verankert. Im Gegenteil, ich entsorge oft zu schnell etwas, wo ich dann eine Zeitlang später merke, dass ich es noch/wieder hätte gebrauchen können. Grundsätzlich bin ich voll und ganz deiner Meinung, dass viel zu gedankenlos Dinge „ausgemistet“ werden. Ich mag weder den Begriff „ausmisten“ noch die Einstellung dahinter, denn nur weil ich etwas nicht mehr brauche oder nicht mehr behalten möchte, ist es noch lange kein „Mist“. Und dieses Kaufen-Wegwerfen-Kaufen-Ausmisten-Kaufen-und so weiter geht mir voll gegen den Strich. Diese Art von Minimalismus ist nur verkappter Konsumismus pur, finde ich. Sozusagen aufgehübscht mit einem guten Gewissen, weil man ja immer wieder „ausmistet“.

    Wenn ich etwas nicht mehr behalten mag, versuche ich es immer zu verschenken, zu spenden oder manchmal noch zu verkaufen. Nur kaputte Sachen oder Dinge, die einfach auf keine sinnvolle Weise loszuwerden sind, landen im Müll – mit schlechtem Gewissen meinerseits, denn Müllhalden hat die Welt wahrlich schon genug, da brauche ich nicht noch was oben drauf zu werfen und die Halden noch größer zu machen, nur um meine Wohnung plastikfrei oder müllfrei oder sonstwas frei zu kriegen. 🙂

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    • Hallo Ronja,

      „Und dieses Kaufen-Wegwerfen-Kaufen-Ausmisten-Kaufen-und so weiter geht mir voll gegen den Strich. Diese Art von Minimalismus ist nur verkappter Konsumismus pur, finde ich. Sozusagen aufgehübscht mit einem guten Gewissen, weil man ja immer wieder „ausmistet“.“

      Das hast du super auf den Punkt gebracht, finde ich!

      Viele Grüße
      Martina

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