Die Konsumgesellschaft mistet aus… (II)

Hier ein weiterer provokanter Beitrag zum Trend-Thema Ausmisten. Ich befürchte, dass ich spätestens jetzt aus den Minimalisten-Link-Tipps geworfen werde, was den Leserzahlen dieses Blogs wirklich schaden würde. Aber wie erfahrene Leser dieses Blogs wissen, sind wir echte und radikale Kauf-Minimalisten. Ein „Kauf-Minimalist“ muss – so unsere bisherige Kaufdiät-Erfahrung – zwingend Ausmist-Minimalist sein, um immer Ersatz für all die ständig kaputt gehenden Gegenstände parat zu haben… Liebe Minimalismus-Community verzeihe uns also und folge uns tolerant bei folgenden weiteren Überlegungen….

Lifestyle schlägt Geschichte: Niemand will den altmodischen Kram

Wer will noch Dinge von seinen Eltern/Großeltern erben? Lausche ich den Geschichten meiner Bekannten überwiegt die Erleichterung, wenn endlich die Wohnung der verstorbenen Großeltern/Eltern aufgelöst und der ganze Krempel ausgemistet ist. Oder wie es ein Freund (übrigens einer der wenigen radikalen Ausmistungsgegner in meinem Bekanntenkreis) einmal ausdrückte: „Da hat die Oma ihr ganzes Leben auf das Leinentuch ihrer Aussteuer aufgepasst und die Erben werfen es einfach in den Müll.“

Häkeln wird gerade wieder trendy – aber gibt es kreative Upcycling-Ideen für all die Häkeldeckchen unserer Großmütter? Müssen wir in unserem Leben je wieder neues Geschirr, Besteck, Töpfe, Bettwäsche oder ähnliches anschaffen oder wären nicht die Schränke unserer Großeltern voll davon? Warum möchten wir eigentlich schicke neue Töpfe, wo wir den Topf haben könnten, in dem uns unsere Großeltern die Lieblingsessen unserer Kindheit gekocht haben?

Nein, wir brauchen neues Geschirr, neue Töpfe, neue Bettwäsche. Weil die Ausstattung unserer Großeltern nicht dem aktuellen Lifestyle-Trend entspricht. Es geht nicht darum, einen Topf zu haben. Oder einen Teller. Sondern es geht ums Design. Was für ein langlebiges und anachronistisches Konzept war dagegen die „Aussteuer“. Da bekamen junge Mädchen die Bett- und Tischwäsche ihres Lebens von ihren Eltern zur Hochzeit mit. Die Tischwäsche unseres Lebens? Wo doch schon die Trendfarbe des nächsten Frühjahrs neue Tischsets erforderlich zu machen scheint? Wir haben eine seltsame Gleichzeitigkeit der Überwertung von materiellen Gütern (z.B. der Wichtigkeit des Tischdeckendesigns) und der totalen Respektlosigkeit gegenüber denselben Gütern: Was ist mir die Tischdecke, die ich vor 5 Jahren gekauft habe, noch wert? Wann und vor allem warum haben wir eigentlich aufgehört, diese Dinge mit dem gebührenden Respekt zu behandeln?

Glücklicherweise gibt es dank „Vintage“und „shabby chic“ einen gewissen Gegentrend, der zumindest einige der Erbstücke wieder salonfähig macht. Und mit Ebay-Kleinanzeigen, Dawanda & Co. erhalten derlei Gegenstände auch ein geeignetes Forum.

Aber mal ganz ernsthaft: Müsste für deutsche Haushalte eigentlich überhaupt irgendein Gegenstand neu produziert werden? Bieten die Haushalte unserer Vorfahren nicht noch genug Ausstattung für mindestens eine weitere Generation? Wenn von heute auf morgen für fünf Jahre kein einziger neuer Haushaltsgegenstand produziert würde: Würden wir irgendeinen Mangel leiden? Freilich hätte an solchen Überlegungen eine ständigen Neukonsum benötigende Wirtschaft keinerlei Interesse. Und wir – auch ich – lassen uns von den glitzernden, schicken Neuheiten locken und werfen dafür die Produktion einer ganzen Generation auf den Müll.  Aber liebe Leute: Es ist nur ein Topf. Nur ein Teller. Warum ist uns das Design wichtiger als die Erinnerung? Warum die Mode wichtiger als die Geschichte?

Und jetzt sagt bitte nicht, dass ihr einfach schon alles habt, wenn wieder mal ein Haushalt von Großtanten nach deren Tod aufgelöst wird. Denn obwohl wir alles haben, kaufen wir ja auch ständig was Neues. Hand aufs Herz: Wer hat in den letzten 5 Jahren keinen einzigen Haushaltsgegenstand neu gekauft, den er nicht auch hätte erben oder aus einem Nachlass erwerben können (z.B. mal bei einer Kleinanzeige für eine Haushaltsauflösung anrufen…)? Also ich gestehe: Auch ich habe gern bei Tchibo zugeschlagen (vor der Kaufdiät…).

Und die Wirtschaft? Ruinieren wir die Wirtschaft, wenn wir das alles nicht mehr kaufen würden? Klar leidet dann die Konsumgüterindustrie erheblich. Aber wie wäre es, wenn wir von dem gesparten Geld einfach was anderes kaufen würden? Zum Beispiel mehr Geld für wirklich hochwertige Produkte ausgeben? Für qualitativ hochwertiges Essen? Für kulturelle Aktivitäten? Für Kunst? Wie wäre es, statt einem Thermomix ein echtes Original-Gemälde von einem unbekannten Künstler zu kaufen? Für den Gegenwert eines Kochtopsets könnte man bestimmt 10 Mal ins Theater gehen. Warum spare ich mir nicht das neue Geschirr und investiere stattdessen in eine wunderschöne Massivholz-Tür, die dann über Hundert Jahre in Schönheit alt werden werden kann? Oder bezahle einen Schreiner, der die alten Möbel der Großeltern aufarbeitet? Wir würden damit die Wirtschaft keineswegs ruinieren. Wir könnten Menschen dafür bezahlen, dass sie wertvolle und schöne Gegenstände reparieren, pflegen, wieder aufbereiten. Jeder, der einmal einen alten Stuhl abgeschliffen und neu aufbereitet hat, weiß, dass das zeitintensiver und teurer ist als einen neuen zu kaufen. Das schafft auch Arbeitsplätze. Und wir würden für unser sauer verdientes Geld einfach weniger Produkte kaufen, die wir nach 5 Jahren wieder ausmisten wollen. Vielleicht wären dann sogar Gegenstände dabei, die unsere Enkel eines Tages von uns erben wollen.

 

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13 Gedanken zu “Die Konsumgesellschaft mistet aus… (II)

  1. danke für den beitrag! er spricht schon recht aus der seele und ich sehe darin ein verhaltensmuster, das leider bei mir auch immer wieder auftaucht. ich sehe darin aber auch ein gefühl der (notwendigen) abgrenzung. ich will z.b. nicht alles von meinen eltern übernehmen – obwohl sie unfassbar viel zeug haben. manchmal brauche ich zu gegenständen meine eigene geschichte, mein eigenes gefühl wie es war als ich sie zum ersten mal benutzt habe. interessanterweise funktioniert das bei anderen dingen, die ich mir secon oder third hand besorge, besser weil da ist der weg zu den dingen schon ausreichend geschichte für mich, um sie zu meinen zu machen.
    aber ja, es könnten unglaublich viele arbeitsplätze durch die aufbereitung, wartung und pflege von gegenständen geschaffen werden. stellt sich nur mehr die frage, wie wir diese idee umsetzen..

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    • Das stimmt, bei manchen Gegenständen braucht man eine eigene Geschichte. Bei Möbeln zum Beispiel, finde ich. Aber bei Kochtöpfen? Staubsauger? Suppenkellen?
      Bei anderen Gegenständen, z.B. Geschirr, kamen mir manche Sachen früher auch altmodisch vor. Aber mit der Zeit sehne ich mich nach diesen Erinnerungsstücken zurück. Je länger z.B. meine Großeltern tot sind, umso mehr bedaure ich, dass ich z.B. ihr altes Geschirr nicht mehr habe. Ich wünschte, ich hätte einiges davon noch im Keller und könnte es jetzt – mit einigen Jahren Abstand – wieder reaktivieren und mich so täglich an sie (und meine Kindheit) erinnern. Meiner Mutter geht es ähnlich: Sie hat die Musikstücke meiner Oma aufgehoben, obwohl sie damals Schubert-Liedern überhaupt nichts abgewinnen konnte. Neulich erzählte sie mir, dass sie nun mit dem Alter plötzlich besser versteht, warum meiner Oma das gefiel.
      Und um nochmal auf die Möbel zurückzukommen: Selbst aus vermeintlich altmodischen Dingen kann man durch Abschleifen, neu lasieren oder lackieren oder neue Bezüge fast ein ganz anderes Stück machen. Ich habe einige alte Oma-Stühle so neu aufbereitet, sie sind sehr schick geworden.

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  2. Jetzt muss ich schon wieder einen Kommentar loslassen. 🙂
    Aber diesmal ist er ganz kurz: du sprichst mir aus der Seele! Toll geschrieben, toll, dass du all das ansprichst!

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  3. vielen vielen Dank für diesen Beitrag. Du sprichst mir aus der Seele. Es ist oft auch einfach ein Stück Bequemlichkeit, ein neues Teil ist schnell gekauft – Möbel aus Nachlässen aufbereiten zu lassen ist aufwendig und anstrengend. Ich habe mal ein altes Stück bei der Firma Garagenmöbel aufbereiten lassen, Das Buffet ist nach wie vor eines meiner Lieblingsteile. Aber man braucht Ideen und Geduld – allerdings lassen sich so individuelles Design und alte Stücke richtig gut miteinander verbinden 🙂

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    • Das stimmt! Ich blättere wegen unserer neuen Wohnung gerade viel in Wohnzeitschriften und schaue mir Bilder auf Pinterest an. Dabei fällt mir auf, dass das doch alles recht schnell gleichartig wirkt. Mit so einem ganz alten Möbel ist das was anderes, das ist dann immer individuell. Wenn man sich Zeit lässt, weil man wie wir nur eine begrenzte Anzahl Gegenstände kaufen will, hat man ja auch viel Zeit, sich mit Ideen auseinanderzusetzen und an Dingen herumzubasteln…

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  4. Ich bin gerade in der Situation, den Haushalt meiner Mama aufzulösen. Das geht Schritt für Schritt, weil ich sehr wohl prüfe, was ich (ebenso meine Schwägerin) noch gebrauchen kann. Geschirr- und Handtücher, Bettwäsche nehme ich mit Handkuss. Trendfarben bei Bettwäsche? Sorry, aber nachts isses erstens dunkel und zweitens schlaf ich da eh. Warm und kuschelig muss sie sein und sonst ganix!
    Gerade heute habe ich die Hosenbeine eines Schlafanzuges verlängert, so dass sie mir passen (meine Mama war tatsächlich _noch_ kleiner als ich). Und auf ein paar neue Tshirts freu ich mich ebenfalls. Ich kaufe so und so am liebsten im Second-Hand-Land. Auch da wirds leider immer schwieriger, Baumwoll-Shirts zu bekommen. Dieses PolyPlastikFaserZeuchGemisch mag ich gar nicht. Es fühlt sich blöd an und nach nem halben Tag kann ich mich selber nicht mehr riechen – obwohl ich kein Schwitzmensch bin. Bäh.
    Nixdestotrotz wird der Großteil des Haushaltes „verscherbelt“, also an Diakonie/Haushaltsauflöser/etc. weitergegeben werden. Dinge wie Kochlöffel kann man zwar durchaus in drei-vier-facher Ausführung brauchen – aber Nummer sieben-acht-neun-zehn musses dann wirklich nicht mehr sein 🙂

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    • Toll, dass du dir so viel Mühe gibst, die Dinge weiter zu verwenden! Klar, alles kann man natürlich nicht behalten, sonst bräuchte man ja auf einmal zwei Wohnungen… Ich hoffe, alles findet einen guten Verwendungszweck und Du behältst schöne Erinnerungen mit all den Dingen von Deiner Mutter.

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  5. Ich kaufe gerade Haushaltssachen gern auf dem Flohmarkt (Geschirrtücher – es geht nichts über die alten Leintücher!, Kaffeemühle, Wäschekorb aus Weide, Teekanne, Wäscheknöpfe, teilweise sogar Garne) oder von örtlichen Kleinhandwerkern. Ich habe mein handgetöpfertes Geschirr über Jahre zusammengesammelt und das wird nur ersetzt, wenn was kaputt geht. Also eine Anschaffung für’s Leben und gänzlich plastikfrei 🙂
    Bei uns ging letztens ein Satz Bettwäsche kaputt. Stattdessen haben wir von der SchwieMu zwei Sätze weiße Damastbettwäsche aus den 50ern bekommen. Zusammen mit den knallroten Laken, die wir noch haben, sieht die einfach toll aus 🙂
    Oh, äh, doch, da gab’s doch eine Sünde: mein Schatz wolle UN-BE-TINKT noch eine neue Frühlingsbettwäsche (trotz der schönen weißen) und ich hab mich breitschlagen lassen :-/ *Seufz*
    Glücklicherweise kann ich mich aber meistens durchsetzen und ihn bremsen.

    Aber zum Thema Kaufdiät würde ich schon empfehlen, für gebrauchte Sachen Ausnahmen zu erlauben. Immerhin verhilft man damit einem alten Gegenstand zu einem neuen Leben – und wer sonst sollte die ganzen Sachen verwenden, die andere Minimalisten ausmisten? Sonst landet ja doch alles wieder nur im Müll.

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    • Ach ja, beinahe vergessen: volle Zustimmung, wir sollten Dinge länger nutzen und reparieren lassen, statt häufig billig neu zu kaufen!
      Ein sehr schöner Beitrag 🙂

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    • ja, das mit der Ausnahme für gebrauchte Sachen haben wir uns auch schon überlegt. Auf der anderen Seite funktioniert es gerade ganz gut wie es läuft, deswegen bleiben wir erstmal bei unserem Anspruch. Wir versuchen eh schon, auch unsere 12 Dinge so weit wie möglich gebraucht zu kaufen. Hat sich bei unseren Anschaffungen im letzten Jahr leider nicht immer angeboten. Wahrscheinlich würden wir dann auf jedem Flohmarkt auch wieder gleich in Kaufräusche verfallen… Und das Argument mit dem Ausmistkram von anderen Minimalisten: Stimmt, auf den Müll soll es nicht, deswegen retten wir trotz Kaufdiät Dinge von der Straße!

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  6. Mein großer kleiner Bruder ist mit seiner Freundin in die erste eigene Wohnung gezogen und hat die !komplette! Küchenausstattung meiner verstorbenen Oma übernommen. Die beiden waren sehr froh, diese Ausgaben nicht tätigen zu müssen.

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