Trennungsprobleme

Zu den vielen ungelösten Rätseln der Menschheit gehört die Frage, wie man Gegenstände unserer modernen Zivilisation wieder sinnvoll in ihre Einzelheiten zerlegt. Dank eines Heeres kreativer Materialerfinder geht die Zahl jährlich neu entwickelter Materialien in die Tausende. Besonders beliebt bei Materialentwicklern und besonders verhasst bei der Abfallwirtschaft sind dabei Materialverbünde.

img_1288Mit Staunen habe ich heute auf einer Fachveranstaltung erfahren, dass die Abfallwirtschaft noch keinerlei wirtschaftlich und/oder technisch sinnvolle Lösung hat, wie z.B. Duscharmaturen (Verbund aus Metall und Kunststoff), Armbanduhren (Carbonziffernblatt), Fensterscheiben (Silberbeschichtung), Bleiglas oder Autoscheinwerfer wieder sinnvoll in recyclingfähige Einzelbestandteile zerlegt werden können. An der Demontage von Autoscheinwerfern scheinen selbst Heere osteuropäischer Billigarbeiter zu scheitern. Vollkommen ungelöst ist zudem das Thema Recycling von Baumwollfasern.

In grenzenlosem Urvertrauen in die technische Kompetenz deutscher Recycling-Unternehmen bin ich irgendwie davon ausgegangen, dass es für nahezu alles, was ich in den Müll werfe, eine ausgeklügelte Methode der Entsorgung und Wiederverwertung gibt. Das stimmt auch theoretisch für die meisten Einzelmaterialien. Aber da diese zunehmend in immer schwieriger trennbaren und immer individuelleren Materialmixen verbunden werden, ist es tatsächlich oft unmöglich, die Ausgangsmaterialien zu retten.

Dann gibt es noch ein weiteres Problem: Selbst wenn man mit viel Forschungsaufwand eine technische Lösung für die Trennung des neuesten Materialmixes des Autoscheinwerfermodells der Serienreihe xyz gefunden hat: Wo bekommt man denn eine ausreichende Menge genau dieser Bauteile her, damit sich der Aufwand überhaupt lohnt? Der einzig gangbare Weg wäre eigentlich, dass jedes Produkt am Ende seines Lebens wieder beim Hersteller landet.

Wenn man einmal das Privileg hat, auf so einer Fachtagung einen Tag lang den Sorgen der Recycler, den Schilderungen eines Glasproduzenten zum unvollstellbar hohen Energiebedarf der Glasherstellung oder den Herausforderungen durch die gigantischen Abfallströme durch Bauschutt zu lauschen, bekommt man wieder ein Gefühl dafür, was all das, was uns  selbstverständlich erscheint, mengenmäßig allein in Deutschland an Ressourcen verbraucht. Bei unserem letzten Austausch des alten Duschkopfs in unserer alten Wohnung habe selbst ich keinen vertieften Gedanken an die Probleme des Duschkopfrecyclings verschwendet und mir keine Vorstellung davon gemacht, wie viele Duschköpfe 80 Millionen Bundesbürger so verbrauchen.

Fassungslos lauschte ich dem Wahnsinn, der hinter dem Lebensweg unserer Alltagsprodukte steckt. Und hatte wieder einmal das Gefühl, dass eine Kaufdiät der einzige Weg aus diesem ganzen Schlamassel ist. Denn mit jedem Kauf verursacht man eigentlich gleich drei Probleme: Die Entsorgung des alten Produkts, die Herstellung des neuen Produkts und die eines Tages wieder zu erwartende Entsorgung des neuen Produkts.

Und – das war die weitere Erkenntnis, die mir heute wieder glasklar vor Augen kam – es kommt auf uns alle und auf alles an. Jedes, wirklich jedes Produkt, dass wir länger nutzen, reparieren, upcyclen oder dem wir mit besserer Pflege zu einer längeren Lebensdauer verhelfen, hat einen viel größeren Effekt, als wir es uns angesichts unserer kleinen Einzelentscheidung träumen lassen. Auch wenn wir gefühlt fast nie einen neuen Duschkopf oder Autoscheinwerfer kaufen oder ein altes Haus abreißen – in der Masse wird aus jedem unserer vermeintlich unwichtigen Einzelkäufe ein riesiges Problem. Und wenn wir alle Produkte unseres Lebens zusammenzählen, müsste uns schwindelig werden von dem riesigen Problemberg, den wir so en passant unwillentlich und unbewusst verursacht haben. Die Abfallwirtschaft denkt nicht in einzelnen Duschköpfen, sondern in Tausenden von Tonnen. Täglich.

Wieder mal was für die Einab-Blogparade  – schaut doch mal vorbei:

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12 Gedanken zu “Trennungsprobleme

  1. Hat dies auf Fundstücke aus dem Internet rebloggt und kommentierte:
    Auf den Punkt gebracht : Und hatte wieder einmal das Gefühl, dass eine Kaufdiät der einzige Weg aus diesem ganzen Schlamassel ist. Denn mit jedem Kauf verursacht man eigentlich gleich drei Probleme: Die Entsorgung des alten Produkts, die Herstellung des neuen Produkts und die eines Tages wieder zu erwartende Entsorgung des neuen Produkts.

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      • Hallo Martina!

        Es gibt auf FB mittlerweile zahlreiche Gruppen, die sich mit Umweltthemen beschäftigen. Ein unkomplizierter Austausch ist dadurch möglich und man kann von den Erfahrungen der anderen profitieren.

        In der EiNaB Gruppe auf FB werden vor allem die Beiträge geteilt, die auch auf unsere Blog verlinkt werden. Es ist halt unkomplizierter über die Gruppe, weil man Benachrichtigungen bekommt, wenn ein neuer Beitrag gepostet wird.

        Andere Gruppen wie z.B. Zero Waste Graz sind auf ihre Art sehr hilfreich, weil man dadurch so viel von den Erfahrungen der anderen im Umfeld profitieren kann.

        Ob man dazu unbedingt auf FB sein muss, ist eine andere Frage. Vermutlich gibt es auch andere Wege um zu diesen Erfahrungen zu kommen.

        Ich selbst nutze FB nur sehr eingeschränkt, weil es so ein Zeitfresser ist.

        lg
        Maria

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      • Hallo Maria,
        na das klingt doch mal nach einer sinnvollen Facebook-Nutzung. Habe also mein inaktives, uraltes Profil reaktiviert und werde mal testen, ob ich diesem Medium doch noch was abgewinnen kann… Danke für den Tipp!
        Zero Waste Graz klingt super! So eine Seite hatte ich auch für meine Stadt in Planung, hatte sogar schon mal eine Seite dafür angefangen, dann ist aber mein Blog und ein neues regionales Nachhaltigkeitsportal „dazwischen“ gekommen und da habe ich dann überlegt, ob dafür überhaupt noch Bedarf besteht. Mal sehen, evtl. reaktiviere ich das nochmal, dafür wäre Facebook dann auch wieder ein ganz gutes Medium. Danke für die Inspiration!
        Viele Grüße

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  2. Liebe Maria,

    ich kenne dich durch deinen Blog „Widerstandistzweckmäßig.“
    Dieses Projekt habe ich eben erst entdeckt und bin entzückt, weil du so viele gute und wichtige Gedanken aufgreifst.
    Oft ist Wegwerfen statt Reparieren viel einfacher und billiger. Mein Bewusstsein für die Ressourcen, die ich (be)nutze, die Auswirkungen die ich damit auf die Umwelt und die Menschen auf der Verliererseite unseres kapitalistischen Wirtschaftssystem, musste erst geschärft werden.
    In Babyschritten versuche ich, meinen Plastik- und Kleidungskonsum zu minimieren.
    Menschen wie du bestärken mich durch Worte und Taten, beständig weiter zu machen..
    Chapeau!

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    • Hallo,
      ja, es ist wirklich nicht so einfach, die Auswirkungen seines Tuns überhaupt zu überblicken. Noch schwieriger ist es dann, sein eigenes Verhalten zu ändern. Oder doch nicht? Ich habe festgestellt, dass man an der Herausforderung der eigenen Verhaltensänderung großen Spaß entwickeln kann. Ich habe auch mit Plastikvermeidung angefangen, dann als ich feststellte, dass das zu kurz gesprungen ist, mit Vermeidung jeglichen Mülls und dann, als ich feststellte, dass Verpackungsmüll nur die Spitze des Eisbergs ist, mit der Kaufdiät. Und ich kann sagen: Es ist manchmal mühselig, aber alles in allem macht es Spaß! Man kann sich nämlich immer wieder an seinen Erfolgen freuen!
      Dir also auch viel Erfolg und viel Freude bei deinen Bemühungen!
      Viele Grüße
      Martina

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