Ist doch noch gut… Oder: Lebenslange Haft für (Innen-)Architekten

Sechs Stunden Zugfahrt liegen vor mir. In den Bahnhof rollt ein uuuuralter IC. Ich rolle mit den Augen: War ich geistig umnachtet, als ich unser Sekretariat bat, diesen Zug zu buchen? Warum habe ich keine ICE-Verbindung ausgesucht? Ich dränge mich über ausgetretene, staubfarbene Gänge in den Großraumwagen, der den Mief von gefühlt 20 Jahren ausstrahlt. Bin ich nicht in genau diesem Zug das erste Mal in den Semesterferien heimgefahren? Damals war er aber noch schick und modern. Wagen 10 ist gesperrt: Die Klimaanlage ist ausgefallen. Rote Absperrbänder versperren die Sitze. In Wagen 9 finde ich Platz und lasse mich genervt auf den Sitz plumpsen. Der zumindest scheint zwischendurch auch mal neu bezogen worden zu sein.

Aus dem Zug wechsle ich in den Mief einer Behörde. Schöner Altbau. Die Innenausstattung aber leider 80er Jahre. Graue Linoleumböden. Braune Teppichböden. Braune Türen. Wir schlurfen durch endlose karge Behördengänge. An Hässlichkeit kaum zu überbietende Deckenbeleuchtung. Yeah, die ideale Umgebung für einen energiegeladenen, innovativen und inspirierenden Workshop. Das können ja tolle zwei Tage werden…. Die Veranstalter entschuldigen sich zur Begrüßung für das Ambiente und das Fehlen einer vernünftigen Klimatisierung. Eine Sanierung sei des Baus sei fällig und auch in mittlerer Zukunft geplant.

Nach einer Stunde Workshop ist das alles vergessen: Die Themen haben uns gepackt, die Diskussion ist angeregt. Interessante Leute da. Auch die Toiletten mit dem Charme einer Schultoilette trüben die Stimmung nicht.

Jetzt sitze ich wieder im Zug zurück. Es ist wieder ein alter IC. Gefühlt derselbe, der mich hergebracht hat. Aber diesmal ist es mir völlig egal. Der Sinneswandel kommt von dem zweitägigen Workshop zum Thema Abfallvermeidung in Unternehmen, an dem ich teilgenommen habe. Sogar ich – Zero Waste Schülerin und konsumverzicht-erprobt – habe erst wieder diesen gedanklichen Anstoß gebraucht, um mir klar zu machen, dass es eigentlich Sinn macht, Dinge so lange wie möglich zu nutzen. Sogar die Hässlichen. Den alten Zug solange wie möglich in Betrieb zu lassen. Die Räume auch mit ihren hässlichen Türen und Böden solange wie möglich weiter zu nutzen. Wie viele Tonnen Bauschutt würde allein ein Auswechseln der Türen und Böden verursachen? Das Verschrotten aller alten ICs?

Dabei – eigentlich, genau genommen – ist das alles doch nicht so wichtig. Ist doch noch gut…. Ein gutes Buch im Zug, gute Gespräche mit netten Menschen – das kompensiert die uninspirierteste Umgebung. Vielleicht sollten wir hier wieder das Wesentliche sehen und bei manchen Aspekten Abstriche von unseren hohen Erwartungen und Standards machen?

Aber die (Innen-)Architekten und vor allem auch die Bauherren, die solche Räume verbrochen haben, möchte ich doch zu gern einmal zu lebenslanger Haft in den von ihnen gestalteten Räumen verurteilen!  Ich freue mich auf meine Wohnung. Unsere Türen sind über 150 Jahre alt. Und wirklich niemand käme auf die Idee, dass sie ersetzt werden müssten. Wegen dieser Türen könnten unsere Vermieter für die Wohnung vermutlich sogar einen Mietaufschlag verlangen. Der Schreiner hat mit diesen Türen echte und dauerhafte Werte geschaffen.

In der Schule meines Sohnes (Altbau) liegt auf allen Gängen und in vielen Klassenzimmern noch das alte Fischgrätenparkett. Vermutlich ist es uuuralt, denn ist kaum vorstellbar, dass in den letzten 70 Jahren jemand Parkett in einem Schulgebäude verlegt hat, oder? Es könnte bei Gelegenheit mal wieder abgeschliffen werden. Ist aber auch im jetzigen Zustand wunderschön. Keiner kann mich überzeugen, dass Linoleum langlebiger und widerstandsfähiger ist als ein Parkett, das Jahrzehnte der Belastung in einem Schulgebäude standhält.

Warum bauen wir nicht mehr so? Weil braune Schundtüren und Linoleum billiger sind? Sicher nur, weil heute leider niemand mehr annimmt, dass wir eine Tür für 150 Jahre bauen. Weil wir so bauen, wie wir konsumieren: So als würden wir ja ohnehin in wenigen Jahren wieder die Türen auswechseln. Ohne Sinn und Verstand bauen wir heute schon am hässlichen Müll von morgen. Den braunen Schund will in dreißig Jahren schon niemand mehr sehen. Also dürfte eine schöne, langlebige Tür wie die unsere – um konkurrenzfähig zu sein – rein rechnerisch fünfmal so teuer sein. Geld für die gelegentliche Wiederaufbereitung nicht eingerechnet – von den anderen Türen müsste man ja im selben Zeitraum fünf Mal Neue einbauen. Warum rechnet man nicht mehr so?

Und was machen wir solange mit all diesem Schund, während wir ihn geduldig und tapfer weiter nutzen, um tonnenweise Müll zu vermeiden? Da ist jetzt echte Kreativität gefragt. Ein künstlerisches Wunder. Lasst bitte Künstler die Behörden stürmen und gestalten. Das ist immer noch billiger als alles auszuwechseln. Und schafft Arbeitsplätze für eine leider zu unrecht völlig unterbezahlte Gruppe von Fachkräften. Und trägt vielleicht einen unerwarteten Hauch von Kreativität in deutsche Behördenflure. Aber vielleicht ist die Hässlichkeit ja auch politisch gewollt? Ist es das Ziel, Beamte durch möglichst eintönige Umgebung zu größtmöglicher Abstumpfung und Duldsamkeit zu erziehen? Vielleicht wäre zu viel Kreativität in diesem Kontext zu gefährlich? In diesem Fall müsste man sagen: Künstler und Beamte aller Länder vereinigt Euch!

PS: Ich habe der Deutschen Bahn unrecht getan. Wie ich der Lektüre des Bahnmobil-Magazins entnahm, werden die Züge alle 5-6 Jahre runderneuert. In einem Beitrag waren ausführlich alle ICE und IC-Typen sämtlicher Jahrgänge aufgezählt inkl. ihrer letzten Erneuerung. Na ja, die von mir diesmal genutzten gehörten dann vermutlich zu der Reihe, wo das mal wieder fällig wäre. Oder nein: Ist ja noch gut… Notfalls gehts schon noch ne Weile…

 

 

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