Verlorene Schätze

Was ist ein Schatz, der Euch so wertvoll wäre, dass ihr ihn vergraben würdet, wenn – sagen wir – eine barbarische Horde einzufallen drohte? Für die Menschen im Mittelalter war diese Frage ganz klar zu beantworten. Die allergrößte Anzahl jemals ausgegrabener Schätze sind nicht etwa Gold & Schmuck, sondern Eisenwerkzeuge. Ein Glücksfall für Archäologen, denn so wissen wir recht gut über mittelalterliche Werkzeuge bescheid. Das haben wir bei einem archäologischen Mittelalterprojekt erfahren, das wir während unseres Urlaubs besucht haben.

Das brachte mich zu der Überlegung, was wir wohl in selbiger Situation sicherheitshalber vergraben würden. Die Fotoalben? Bzw. die Festplatte auf der sie gesichert sind? Die Briefe, alte Tagebücher? Vielleicht noch unsere Bücher. Aber da hätten wir dann schon ganz schön viel zu tun. Der Werkzeugkoffer würde uns wohl eher verzichtbar erscheinen. Weil er so einfach neu zu beschaffen wäre. Denken wir zumindest. Aber nur weil wir ihn für einen überschaubaren Betrag im Baumarkt kaufen können, heißt das noch lange nicht, dass Eisen und Metalle heute einfach zu beschaffen sind. Die Bewohner im Umfeld von Minen sehen das sicher anders. Was Minen, in denen die metallischen Rohstoffe für unsere vermeintlich so leicht erhältlichen Produkte abgebaut werden, bedeuten, ist zum Beispiel hier gut dargestellt.

Meist sehen wir diese katastrophalen Auswirkungen ja nicht, weil sie weit genug weg von uns stattfinden. Doch das Abbauunwesen, das unser Rohstoffhunger verursacht, macht auch vor unserer Haustür nicht Halt. So mussten wir bei unserem Urlaub erfahren, dass in unserem heiß geliebten Urlaubsort im Donautal ein Kalkabbau geplant ist. Das obere Donautal kommt meiner persönlichen Vorstellung vom Paradies sehr nahe: Imposante Felsen, ein idyllischer Flusslauf, ausgedehnte Blumen- und Streuobstwiesen.  Aber wo heute Outdoormagazine das Paradies für Wanderer besingen (so wie hier) droht schon bald ein Panorama wie bei diesen Kalkabbau-„Paradiesen“.

Donautal

Irgendwo im linken Bildbereich, vielleicht auch noch weiter links außerhalb des abgebildeten Bereichs soll der Kalkabbau wohl liegen. Eigentlich unvorstellbar oder? Wie kann das jemand wollen?

Wofür braucht man Kalk eigentlich, habe ich mich also gefragt. Und siehe da: Ein Drittel des Kalks geht in die Eisen- und Stahlindustrie! So schließt sich der Kreis. Unsere Vorfahren hatten also recht mit der Sicherung ihrer Werkzeuge. Aber Kalk ist auch wichtig für die Herstellung von Kunststoff, Gummiartikeln, Klebstoffen, Farben und in der Papierherstellung.

Damit sind wir wieder einmal mehr zur Kaufdiät motiviert. Denn der langfristig einzige Weg, um zu verhindern, dass sich Bagger ihren Weg in Naturparadiese auf aller Welt fressen, ist der größtmögliche Verzicht auf den Kauf all der Produkte, in deren Namen dies geschieht. Wir täten also gut daran, im Falle eines Barbarenangriffs unsere Werkzeuge, Mobiltelefone, Elektrogeräte zu vergraben, um sie vor der Zerstörung zu schützen. Und wer jetzt immer noch glaubt, auch ohne Barbarenangriff seine rohstoffintensiven Güter einfach entsorgen und durch das neueste Modell ersetzen zu können, dem sei wärmstens ein Urlaub im Paradies auf Erden, dem wunderschönen Oberen Donautal empfohlen. Und anschließend bitte der Besuch in einem Kalkwerk!

Dies nur als Impression für das weltweite Drama, denn der Abbau von Aluminium, Gold und Kupfer, aus denen vor allem Produkte für uns Industrieländer hergestellt werden, sieht noch viel schlimmer aus und findet meist in vormals paradiesischen Regenwäldern statt. Lauter verlorene Schätze!

Wieder einmal ein Beitrag für die EiNab-Blogparade, wo Ihr noch viele weitere lesenswerte Artikel rund um Nachhaltigkeit & Co findet:

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4 Gedanken zu “Verlorene Schätze

  1. Hallo Martina,
    es ist schon ein Wahnsinn welcher Ratenschwanz an Konzequenzen unser Konsum hat, den wir im Alltag nicht bedenken. Wohl auch deshalb halten wir alles für so selbstverständlich und glauben auch, dass wir ein Recht darauf haben, ohne darüber nachzudenken was oder auch wer ausgebeutet wird. Toller Artikel!
    Viele Grüße,
    Marc

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    • Hallo Marc,
      ja, das ist genau der Punkt und vermutlich das Hauptproblem: Dass die Konsequenzen unserer Handlungen so abstrakt, so zeitlich oder räumlich weit entfernt von uns sind, dass wir sie nicht mehr sehen. Damit ist es natürlich auch oft schwierig, immer alles im Alltag zu berücksichtigen. Aber trotzdem wichtig, dass man sich Mühe gibt, finde ich zumindest.
      Viele Grüße
      Martina

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