Die Minimalismuskrise

Ich habe talentierte Freunde. Nicht nur, dass einige von ihnen einen exquisiten Geschmack und wunderschön eingerichtete Wohnungen haben. Andere wiederum sind Meister des Selberbauens und Upcycelns und man könnte ihre Wohnung eigentlich direkt als Werbekatalog für geschmackvolles Do-it-yourself ablichten.

Ich tröste mich damit, dass ich andere Stärken habe. Möbelbau gehört da jetzt eher nicht dazu. Aber wenn ich aus einer dieser hippen Wohnungen zurückkomme, habe ich plötzlich das Gefühl, dass hier dringend ein Tischchen mit Deko drauf stehen müsste. Und da bräuchte es ein paar Bilder. Und da drüben eine schicke Stehlampe. Und hier ein Wandregal. Und in der Ecke ein antikes Kleinmöbel. Und hier noch ein Kissen und da ein Deckchen. Und die Vase muss eigentlich raus und stattdessen so ein schickes neues Väschen rein. Und dann bekomme ich manchmal sowohl eine Minimalismus- wie auch eine Kaufdiät-Krise.

Glücklicherweise habe ich inzwischen gelernt, dass diese Krise nur wenige Tage bis Stunden anhält. Sobald ich dem Eindruck der Wohnung entzogen bin, die mir so gefällt, bin ich wieder vollkommen glücklich mit den weitgehend freien Wänden und freien Wegen unserer wunderschönen Wohnung, die wie ich finde, auch für sich einfach wunderbar ist. Kurz: einem minimalistischen Umfeld. Um Möbelschweden, Wohnzeitschriften und Pinterest muss ich dann in dieser Zeit aber einen weiten Bogen machen. Sonst packt mich der Kaufrausch.

Das zeigt wieder mal eindrucksvoll, dass Bedürfnisse in uns durch Vorbilder (aus Zeitschriften, Werbung, Auslagen, von anderen Leuten) überhaupt erst geweckt werden. Wo vorher Zufriedenheit war, entsteht plötzlich ein gefühltes Defizit. Ich glaube sogar, dass unser hoher Konsum-Standard sich so immer weiter anheizt. Wenn ich z.B. an Wohnungseinrichtungen befreundeter Familien meiner Kindheit denke, war der Anspruch hier wesentlich bescheidener. Die Inszenierung des Selbst durch einen bestimmten Stil und die dazu passenden Accessoires haben da zumindest in den Wohnungen, an die ich mich erinnere, keinerlei Rolle gespielt.

Wenn ich mir Wohnzeitschriften, Pinterest u.ä. ansehe, habe ich das Gefühl, dass das, was man hat und zeigt, zum vermeintlich individuellen Ausdruck der Persönlichkeit hochstilisiert wird. Ich bin gerade auf der Suche nach einer Lampe, weil wir ja in Wohn- und Esszimmer immer noch keine haben, und wenn ich mir so die Blogs, Zeitschriften und Pinterest zu dem Thema ansehe und danach die Auslage des Designer-Möbelladens in unserer Innenstadt, dann habe ich das Gefühl, dass es derzeit ungefähr 10 – 15 Lampen gibt, die gerade angesagt sind, und die einen durch alle Wohnzeitschriften hindurch regelrecht verfolgen. So viel zum Thema Individualität.

Muss ich mir jetzt also selbst eine Lampe aus Papier, Küchensieben oder Ästen kreieren, um individuellen Stil zu beweisen? Wann sind Möbel eigentlich so wichtig geworden für den individuellen Ausdruck?

Dann stelle ich beim Betrachten der aktuellen Pinterest-Bilder zum Thema Einrichten und beim Betrachten zugehöriger Blogs noch fest, dass ich auch eine Wand grau streichen sollte. Unbedingt. Mindestens. Oder wenigstens ein graues Sofa anschaffen. Daneben muss dann eine Stehlampe mit drei Beinen und einem weißen Lampenschirm stehen. Wenn dann dahinter noch eine sorgfältig angeordnete Collage aus schwarz-weiß-Bildern hängt, daneben vielleicht noch ein kleines Tischen mit einer Vase drauf, dann habe ich endlich den Zeitgeist getroffen und eine total geschmackvolle und individuelle Wohnung. Genau die, die in allen Medien gerade gezeigt wird.

Nee, Leute. Ich bleibe Minimalistin. Und entziehe mich weiterhin jeglichem Modediktat in Sachen Einrichtung. Nebenbei gesagt: Dieses wunderbar aufgeräumte Feeling des so gefeierten skandinavischen Stils erzielt man mit der Zeit ganz automatisch mit einer Kaufdiät. Nichts verhindert sicherer das Zumüllen mit zu viel Dekogegenständen und Krimskrams. Alles wird einfach langsam, ganz langsam weniger.

Oder müssen jetzt doch mal ein paar neue Bilder her?

 

 

 

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