Die Kaufdiät-Krise

Still war es um uns geworden in den letzten zwei Monaten. Das lag zunächst ganz einfach daran, dass wir über vier Wochen im Urlaub waren. Vor allem aber lag es daran, dass uns dieser Urlaub in eine regelrechte Kaufdiät-Krise gestürzt hat.  Meine aktuelle zentrale und neue Konsum-Erkenntnis: Urlaub – vor allem ein langer – ist eine wirkliche Konsumfalle.

Die Falle schnappte schon vor dem Urlaub zu: Mehr als drei Wochen wegfahren? Haben wir dazu überhaupt noch genug Kleidungsstücke???  Nachdem ich gefühlt alles, was ich besaß, in Koffern verstaut hatte, stellte ich fest, dass wegen meiner  beiden neuerdings kaputten Röcke zumindest hierfür noch kurzfristig Ersatz her muss. Zur Erinnerung, falls jemand die Hosen-Dramen des letzten Jahres in diesem Blog noch nicht verfolgt hat: Ich besitze lediglich noch eine einzige völlig intakte Jeans ohne Löcher und ohne Flecken. Ansonsten besitze ich neben inzwischen äußerst löchrigen und/oder fleckigen Jeans eben nur noch Anzughosen. Über ein Jahr hinweg bin ich damit prima hingekommen, denn ich hatte ja Röcke. Aber ein Kaufdiät-Dilemma ist, dass durch die häufigere und intensivere Nutzung dessen, was man noch hat, dieser Rest eben auch irgendwann so kaputt geht, dass es langsam wirklich eng wird.

Da ich nicht vorhatte, meine Business-Anzug-Hosen und -röcke mitzunehmen und irgendwas muss man ja anziehen, oder wie es neulich jemand von Euch in einem Kommentar treffend beschrieb: Nackt gehen müssen sollten wir ja auch nicht. Also musste ich in Sachen Kaufdiät hier einen Kompromiss machen und ersetzte die beiden kaputten Röcke durch zwei Kleider, weil ich dachte, damit löse ich auch gleichzeitig das Problem von zu wenig Oberteilen. Zumindest eines war übrigens von einem Öko-Anbieter. Außerdem beschlossen wir, dass wir für den Urlaub neue Socken brauchen. (Socken sind eine Kaufdiät-Grauzone, wir hatten hier schon mal eine Ausnahme erwogen, weil Socken einfach trotz fleißigsten Flickens irgendwann nicht mehr zu retten sind. Oder habt ihr einen Tipp gegen durchgescheuerte Sohlen?)

Besonders dramatisch gestaltete sich dann jedoch der Abend vor der Abreise: Als wir nur noch schnell unsere Schuhe und anderen Kleinkram verstauen wollten und dazu unseren zweiten großen Traveller-Rucksack aus dem Keller holten, mussten wir feststellen, dass er leider verschimmelt war. Der Keller unserer neuen Wohnung ist scheinbar doch feuchter als es den Eindruck machte. Und als ich mir dann meine schon ziemlich abgetragenen Sneakers anziehen wollte, um noch schnell einen neuen Reiserucksack zu besorgen, entstand ein tiefer Riss zwischen Schuh und Sohle. Ich hasse es im Urlaub Schuhe kaufen zu müssen, vor allem wenn man in Ländern reist, in denen es über Schuhgröße 39 praktisch nur noch Männerschuhe gibt. Sonst hätte ich es ja drauf ankommen lassen und sie einfach noch weiter getragen bis sie auseinanderfallen (das werde ich im nächsten Frühjahr auch tun!). Aber so mussten für den Urlaub auch noch neue Sneaker her.

Damit waren wir schon zum Urlaubsstart bei ganzen vier außerplanmäßigen Käufen (+ zwei Fünfer-Paaren neue Socken für mich und den geduldigsten Ehemann von allen…) angelangt. Ein absolutes Kaufdiät-Novum und für unsere Verhältnisse seit 1,5 Jahren ein totales Konsumfiasko. Im Urlaub kamen dann noch folgende weiteren Notfälle hinzu: Halstücher für mich (die Klimaanlagen machten meinen Hals trotz sommerlicher Temperaturen fix und fertig und ich hatte für einen Sommerurlaub natürlich keine Schals eingepackt…) sowie ein T-Shirt für den geduldigsten Ehemann von allen, als er wirklich unterwegs plötzlich nix mehr zum Anziehen hatte. Er hält typisch Mann kleidungstechnisch schon seit wesentlich mehr als 1,5 Jahren Kaufdiät, der Zustand seines Kleiderschranks ist noch wesentlich dramatischer als meiner.

Das alles waren leider Fehltritte, die tatsächlich einzig und allein durch die Urlaubssituation entstanden sind. Zuhause hätten wir das alles mühelos noch gemeistert. Hier läuft unsere Waschmaschine ständig, man hat irgendwelche Ersatzschuhe parat (die waren aber leider nicht so urlaubsgeeignet) und einen neuen Rucksack hätten wir dann auch nicht gebraucht. Selbst die kaputten Röcke hätte ich eine Weile vielleicht noch verdaut.

Wenn ich das jetzt alles zusammenrechne und wir uns weiterhin streng an unsere eigenen Regeln halten wollten, hieße das, das wir für die nächsten 6-8 Monate eigentlich gar nichts mehr kaufen dürften. Das ist leider in jeder Hinsicht vollkommen unrealistisch. Dazu machen wir schon zu lange Kaufdiät und es hat sich zu viel angestaut, was wir eben doch dringend mal brauchen. Und dieser eklatante Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit führte uns in eben jene Kaufdiät-Krise, in der ich das Gefühl hatte, ich kann jetzt hier nicht in unserem Blog schlau und stolz von Konsumverzicht daherschreiben und mich gleichzeitig sowas von gescheitert fühlen. Wir sind/waren wirklich an einem Punkt, an dem wir uns sehr ernsthaft gefragt haben, ob wir es jetzt mal ganz abgesehen von unseren Urlaubs-Fehltritten – wirklich weiterhin schaffen werden, nur eine Sache im Monat zu kaufen. Die (Ersatz-)Bedarfe tun sich überall und ständig auf und die nächsten absehbaren Fehltritte (Weihnachten!) sind schon in Sicht. Grundsätzlich zeichnet sich – glaube ich – ab, dass 12 Dinge pro Jahr für eine vierköpfige Familie trotz der Ausnahmen, die wir schon eingeführt haben (Kinderkleidung, Schulbedarf, Bücher, Reparaturbedarf und Socken/Unterwäsche) dauerhaft etwas knapp ist. 12 Dinge ist natürlich eine willkürlich gewählte Anzahl, die wir gewählt haben, weil sie so einfach monatsweise zu händeln ist.

Wenn wir das wirklich weiter durchziehen wollten, müssen wir vermutlich in unserer Lebensweise noch wesentlich radikaler minimalistisch werden. Vielleicht an dieser Stelle nochmal der zentrale Unterschied zwischen dem Minimalismus, der aus einer Kaufdiät entsteht und dem Minimalismus, der durch Ausmisten erzielt wird: Bei der Kaufdiät in unserer Form geht es nicht darum, Dinge aus den hinterletzten Schrankwinkeln auszumisten, die man ohnehin nur ein paarmal im Jahr braucht (wenn überhaupt). Kaufdiät heißt ständig auf den Nachkauf von Dingen zu verzichten, die man täglich braucht und die genau wegen dieser häufigen Nutzung ständig verschleißen. Darin liegt die eigentliche Herausforderung, die uns am Anfang überhaupt nicht klar war, als wir uns so ausdachten, fast nichts mehr zu kaufen.

Gleichzeitig tritt der Effekt ein, der sich in solchen Krisen bisher immer eingestellt hat: Die Wochen zogen vorbei und wir merkten, dass wir eigentlich so was von kaufdiät-geprägt sind, dass wir uns ein „normales“ Konsumverhalten gar nicht mehr vorstellen können. Und dass wir trotz ständiger „Notfälle“ doch immer wieder irgendwie von Woche zu Woche kommen und dann ist schon wieder der nächste Monat und irgendein Loch kann wieder gestopft werden.

Deswegen geht die Kaufdiät weiter! Und ihr kriegt weiterhin die neuesten Stories und Erfahrungen! Vielleicht an dieser Stelle auch nochmal herzlichen Dank an Euch alle, die ihr auch einen wesentlichen Beitrag dazu leistet, das unser Dauer-Kaufdiät-Experiment weiter und weiter geht. Ich habe in den letzten „Krisenwochen“ gar nicht mehr auf den Blog schauen wollen. Und ich war sehr gerührt, als ich nun sah, wie gut sich die Leserzahlen trotz mangelnder neuer Posts gehalten haben und dass wir wieder einige neue Follower gewonnen haben.

Liebe Leser, das alles hier ist auch für Euch, denn wir sind fest überzeugt davon, dass letztlich nur ein deutliches „Weniger an Konsum“ den bald 10 Milliarden Menschen  (und all den anderen Lebewesen)  auf diesem Planeten ein dauerhaftes Auskommen sichert. Gleichzeitig wird dieses Thema aber fast niemals offensiv thematisiert. Deswegen haben wir uns des Themas angenommen und möchten das mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Und was uns neben unserer ureigenen Überzeugung  wirklich zum Weitermachen motiviert, sind all die positiven Rückmeldungen, die wir von Euch bekommen haben. All diejenigen, die uns geschrieben haben, dass sie jetzt auch weniger kaufen wollen oder gekauft haben. Und das ist eigentlich so toll und inspirierend, dass es locker all die kleinen Alltagswidrigkeiten der Kaufdiät aufwiegt. Deswegen ist jetzt nach diesem krisenhaften Blogeintrag erstmal wieder Schluss mit dem Gejammer und wir richten den Blick nach vorn auf die neuen Erkenntnisse und Ideen, die uns unser Konsumverzicht noch bescheren wird! Denn auch das ist wahr: Eine Kaufdiät ist wahnsinnig bereichernd: In Sachen Selbsterkenntnis, Klarheit, Prioritäten sowie für etwas, was uns in unserem Konsumwahn völlig abhanden gekommen ist: Der Unterscheidung zwischen Schein und Sein.

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Autor: Familie auf Kaufdiät

Wir sind volle Schränke und leere Kassen leid und halten den täglichen Konsumwahnsinn für eines der wesentlichen Probleme dieses Planeten. Deswegen gönnen wir uns als vierköpfige Familie nur noch den Kauf von einer Sache pro Monat. Gar nicht so einfach! Aber eine spannende Erfahrung!

10 Kommentare zu „Die Kaufdiät-Krise“

  1. Hallo!

    Ist Gebrauchtes eigentlich keine Lösung für Euch? Ich halt seit Herbst 2013 Kaufdiät (sprich seit über 4 Jahren). Hätte es aber ganz sicher nicht in der Form geschafft, wenn ich nicht den Ausweg „Kostnixladen“ hätte. Geschenkte, gebrauchte Sachen sind für mich ok. Da ich einen ökologischen Ansatz habe und es jetzt nicht so sehr als Experiment ansehe, wie weit ich ohne zu kaufen komme, ist das für mich eine sehr gute Lösung.

    Wie siehst Du das ?

    lg
    Maria

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    1. Liebe Maria, da hast du sicher recht. Bislang haben wir Gebrauchtes genauso als Kauf behandelt wie Neues. Wir wollten ja irgendwie auch, dass es weniger wird. Aber jetzt wo sich langsam immer mehr Lücken auftun, ist es eine ständige Versuchung, bei gebrauchten Dingen doch Ausnahmen zuzulassen. Einen Kostnix-Laden haben wir hier leider nicht. Aber ich finde Ebay Kleinanzeigen auch eine recht gute Quelle. Viele Grüße, Martina

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      1. Hallo Martina!

        Es ist jetzt nicht so, dass ich – nur weil es geschenkt ist – wahllos alles nach Hause schleppe, was ich dann doch nicht brauche.

        Also auch hier alles mit der Rückfrage „brauche ich das wirklich“. Vor allem will ich auch nicht mehr mehr Dinge zu Hause rum liegen haben und daher gibt es dafür auch Regeln. Beispielsweise ein Ersatz, wenn etwas kaputt ist. Oder bei Bekleidung muss ein anderes Teil dafür verschenkt werden. Da überlegt man es sich schon doppelt, ob man noch was mit nach Hause nimmt 😉

        lg
        Maria

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  2. Ich freu mich, dass ihr weiter macht! Ich finde dieser Blog ist wirklich eine tolle Inspiration und ich hab mir hier schon so einiges für meinen eigenen Alltag mitnehmen können 🙂

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  3. Solche Krisen hat jeder! Einfach weiter machen ist da wirklich das Beste und manchmal eben einige Ausnahmen zulassen. Ihr konsumiert schon weniger als die meisten, das musst du dir immer wieder vor Augen halten und das ist super!!!

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  4. 12 Dinge in 12 Monaten für 4 Personen ist vielleicht wirklich ein bißchen arg wenig. Ich hätte das eher auf 12 Dinge pro Person festgelegt. Auf die Dauer stösst man ja auf physische Grenzen, wo es tatsächlich ohne etwas Neues nicht weiter geht (siehe Euer nur noch zerfetzte Jeans, alle Röcke kaputt).
    Was ich auch gern mal von solchen Einschränkungen ausnehme, sind Materialien selbst gemachte Sachen. Sprich, die Wolle für den dann selber gestrickten Pullover oder den Stoff, Reißverschluss und Faden für den neuen selber genähten Rock würde ich von der Regel ausnehmen, solange gleich verarbeitet und nicht sinnlos gehamstert wird. Und sofern es keine brauchbaren Reste gibt, die man dazu verarbeiten kann.
    Ein Tip zu Socken: selbst gestrickte Socken aus relativ dünnem Garn (das sogenannte vierfädige) sind dünn genug, um sie regelmäßig in Schuhen anzuziehen und wenn sie schön fest gestrickt sind, sind sie viel haltbarer als Kaufsocken. Ich habe ein Paar, das ich 2006 oder 7 gestrickt habe und das ich regelmäßig im Winterhalbjahr anziehe und das immer noch nicht durch ist. Im Winter ziehe ich fast nur meine selbstgestrickten an und von den 7 Paaren, die ich gemacht habe, leben alle noch. Und falls doch mal ein Zeh durchbohrt oder der Hacken dünn wird, kann man auch neue Spitzen und /oder Fersen anstricken und damit das Leben der Socke wieder verlängern.

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    1. Toll, wenn man so stricken kann. Wie schon an anderer Stelle gesagt, habe ich hier noch viel Entwicklungspotenzial! Aber im Stopfen bin ich jetzt schon ganz gut!
      Und ja: 12 Dinge ist wirklich verdammt wenig. Pro Person sind das gerade mal drei Dinge pro Jahr bei einer vierköpfigen Familie. Dass es nicht so ganz funktioniert, hat man ja an unseren letztjährigen Fehltritten gesehen… 12 Dinge pro Person wäre vielleicht wirklich mal eine Weiterentwicklung. Da überlegen wir derzeit noch. Bastel- und Handwerksmaterialien haben wir aber eh auch schon ausgenommen. Aber selber bauen, stricken etc. ist bislang eh nicht so unser Ding….

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